Adblock

2. Mai 2018
http://th-web.at/web/web/post/view?id=2018-05-02-219

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Seitdem auf der Website des Standards die Adblock-Erkennung anders konfiguriert ist (seit letzter Woche?), lese ich online keinen Standard mehr. Kathrin Passig hat das einmal geschrieben: Da ist ein Gefühl der Erleichterung, wenn man das Browsertab schließt, nachdem man auf irgendeinen Link zu irgendeinem online-Artikel geklickt hat, man dort aber nur die Bitte lesen kann, den Adblock zu deaktivieren oder ein Abo abzuschließen.

Du kannst natürlich sagen, dass die online-Werbung die redaktionellen Inhalte finanziert und ich den Journalismus (ich bin versucht, stolz zu sagen: „den unabhängigen Journalismus“) direkt unterstütze, indem ich mir von der Werbung meine potentielle Aufmerksamkeit abkaufen lasse. Aber wenn ich Journalismus – den unabhängigen natürlich – unterstützen möchte, dann kaufe ich eine Zeitung oder schließe ein Abo ab oder spende usw. Es gibt redlichen Journalismus, aber der typische Journalismus ist das nicht. In seiner Dankesrede zum Frank-Schirrmacher-Preis hat Michel Houellebecq im Jahr 2016 gesagt: Ich meinerseits gebe die Hoffnung nicht auf, solange ich lebe, zum Bankrott gewisser Zeitungen beizutragen. Und ich schließe mich gerne dem wütenden Monsieur an: Ich erfreue mich an der utopischen Vorstellung, mit meinem Adblock zum Ruin der Krone, der Österreich, von oe24.at, heute.at, der Bild usw., des Journalismus, beizutragen.

Was steht also auf derstandard.at? Sinngemäß:

Vielen Dank, dass Sie diesen Text lesen möchten. Deaktivieren Sie Ihren Adblock, um den Text zu lesen.

Was soll ich tun? Wenn ich Adblock deaktiviere, verändert sich der Text. Da steht plötzlich etwas der Art DONALD TRUMP SCHREIBT AUF TWITTER X, DIE ZWEITE STAFFEL VON X KOMMT FRÜHER AUF NETFLIX, DIE EU WILL X VERBIETEN usw. Bin ich sicher, dass AdBlock wirklich deaktiviert ist? Was wäre, wenn ich Adblock noch einmal deaktiviere und da stünde dann ES IST EGAL WAS DONALD IM INTERNET SCHREIBT, ES FÄLLT OFT NICHT AUF WIE VIEL FREIZEIT MAN FÜR GENERISCHE US-UNTERHALTUNG AUFBRINGT, ES GIBT EUROPAPOLITISCHE LÖSUNGSVORSCHLÄGE FÜR GESELLSCHAFTLICHE PROBLEME. Du deaktivierst den Adblock und da steht ES IST KEINE POLITISCHE HANDLUNG ETWAS IM INTERNET ZU SCHREIBEN, du deaktivierst den Adblock noch einmal und da steht ETWAS IM INTERNET ZU SCHREIBEN IST EINE POLITISCHE HANDLUNG.

Als postmodern-paranoider Mensch weißt du nicht mehr, ob du es bist, die oder der den Text liest, oder, ob der Text dich liest. Vielleicht bestimmt das, was mit dem absonderlichen Wort Surfverhalten bezeichnet wird, die Konfiguration des Texts – auch die Werbung ist Text – und jeder einzelne postmodern-paranoide Mensch bekommt am Display einen individuellen Text zu lesen (du deaktivierst Adblock und da steht: Sharing hilft gegen Vereinsamung durch Vereinzelung).

Ich halte die Vorstellung für ungeheuerlich, so in den Text, den ich lese (der mich liest), einzugreifen, dass er sich vom falschen in den richtigen Text wandelt. Wenn ich etwas lese, dann möchte ich es genau lesen. Ilse Aichinger: Es wird immer um Genauigkeit gehen, die gerade im Bereich der Literatur leicht abhanden kommt. Ich mache einen billigen Witz und schreibe: ich esse, was ich auf den Tisch gestellt habe und ich lese, was am Display steht – und wenn ich etwas lese, dann möchte ich es genau lesen. Wenn da steht „Vielen Dank, dass Sie diesen Text lesen möchten. Deaktivieren Sie Ihren Adblock, um den Text zu lesen“ und ich lese „Vielen Dank, dass Sie diesen Text lesen möchten. Deaktivieren Sie Ihren Adblock, um den Text zu lesen“, dann stelle ich mir vor, dass der Journalismus – nicht der redliche, sondern der typische –irgendwann einmal vielleicht in den Bankrott getrieben sein wird. Oder vielleicht wird irgendwann einmal uniform in allen Zeitungen nur dieser eine Satz stehen: Deaktivieren Sie ihren Adblock. Und vielleicht wird dann ein Technokant kommen und sagen: Sapere Adblock.