Did Somebody Say Yoga?

12. August 2016

Es gibt eine Mission in GTA V, Did Somebody Say Yoga?, in der ich, Michael, gemeinsam mit meiner Frau und dem Yogalehrer am Pool Yoga mache. Nach dieser Mission war ich bei meinem Psychotherapeuten und habe ihn gefragt, ob er an das Böse glaubt.


Snapmatic Screenshot GTA V

Nach dem Yoga (das so geendet hat, dass ich auf den Yogalehrer einschlagen wollte, er aber ausgewichen ist, ich in den Pool gefallen und meine Frau, Amanda, gesagt hat, dass sie aus unserem Haus ausziehen werde, was dann auch passiert ist) bin ich zu meinem Sohn Jimmy gegangen, der in seinem Zimmer First-Person-Shooter spielt, um mit ihm „zu einem Freund“ zu fahren, wo er „etwas zu erledigen“ hat, was sich als Drogenkaufen herausstellt. Wir fahren danach zurück nach Hause und er gibt mir am Weg etwas zu trinken, das sich als „tranquilizer“ herausstellt, den „vets“ verwenden. Ich bin total weggetreten und mein Sohn wirft mich aus meinem Auto mit der Bemerkung, dass er, weil ich „too crazy“ sei, auszieht und von mir weg möchte. Es folgt eine infantile und uninteressante Sequenz mit Außerirdischen, anschließend falle ich aus dem dunklen Himmel auf die Stadt Los Santos (Angeles), die in Neonfarben unter mir liegt.


Snapmatic Screenshot GTA V

Der Fall beginnt als albtraumhafter Sturz, ich schreie, rudere mit Armen und Beinen und stürze unkontrolliert. Ich strecke meine Arme aus und plötzlich segle ich, wie bei einem Fallschirmsprung, und Musik beginnt: Shine A Light von der englischen Elektroband The C90s. Die leuchtenden Straßen pulsierenden wie Adern und tauchen die Stadt (im Rhythmus der Musik?) in einander langsam abwechselnde Neonfarbtöne. Ich höre den Fallwind rauschen und die Stimme meiner Frau, meine eigene Stimme und andere Charakteren aus dem Spiel, deutlich und undeutlich: What do you want Michael (mein Psychotherapeut), I always thought I was the good guy (ich), you ruined my life (meine Frau), a killer, a thief, a liar (?), you are nothing but a murdering, cheating hypocrite (meine Frau), it’s my dad (?) (ich), you are either drunk, or you’re staring miserably at the clouds, or you’re out there doing God only knows what (meine Frau) und immer wieder die Frage: What do you want Michael; und immer wieder mein Gestammel: I always thought I was the good guy.


Snapmatic Screenshot GTA V

GTA, Grand Theft Auto, bedeutet infantiler Humor, infantile Gewalt und die Freiheit, alle Verbrechen, die man begehen könnte, begehen zu können. GTA steht, spätestens ab dem zweiten Teil GTA 2 (1999) auch für ein Spiel von dem man weiß, was man zu erwarten hat: Man startet als Kleinganove und arbeitet sich im Lauf des Spiels in der Unterwelt nach oben. Dafür wiederholt man – mit ansteigender Schwierigkeit – den Auftrag, zum Ort x zu fahren, das Verbrechen zu begehen und anschließend zu flüchten. Es wäre Unsinn zu sagen, dass GTA V (2013) erwachsener oder weniger infantil wäre, aber es gibt eine merkwürdige Ernüchterung, die sich einstellt, wenn man Michael spielt, der ein Verbrecher ist oder kein Verbrecher ist, und schon zu Beginn das erreicht hat, was man in GTA erreichen möchte: Geld und Luxus. Man findet sich als Michael in einer Familie, von der man vollkommen entfremdet ist und zu der man zunehmend den Kontakt verliert. (Dieselbe Ernüchterung stellt sich auch im Roman Lunar Park (2006) von Bret Easton Ellis ein, der Romane geschrieben hat, die wie GTA sind, weil man von ihnen weiß, was man zu erwarten hat: Teure Appartements in Los Angeles (Santos), Drogen, Sex, Gewalt, oberflächliche Partygespräche und „zynische und nihilistische Kritik der amerikanischen Gesellschaft“. In Lunar Park schreibt Bret Easton Ellis über Bret Easton Ellis, der erreicht hat, was er als Schriftsteller erreichen möchte: Geld und Luxus. Bret Easton Ellis hat eine Ehefrau, einen Sohn, eine Tochter und er verliert zunehmend den Kontakt zu ihnen.)


Snapmatic Screenshot GTA V

User auf reddit nennen die existenzielle Absturzepisode „the greatest cut scene ever“ und „literally the greatest experience I’ve ever had in a video game”. Aber das Internet ist groß und vieles wird geschrieben und gesagt (ich behaupte auch, dass die meisten Menschen nicht zu wenig, sondern zu viel Zeit haben). Man könnte über narrative game structures schreiben und über character development, über Computerspiele und Filme, über das Spiel Firewatch (2016) oder den wiederkehrenden „drug-induced nightmare“ in Max Payne (2001). Man könnte über gescheiterte Vater-Sohn-Beziehungen schreiben, oder darüber, wie andere darüber schreiben, oder sich fragen, was es heißt, dass die Leute auf den freeways in Los Santos und in Los Angeles auch immer rücksichtsloser werden (diese deutsche Übersetzung des ersten Satzes von Less Than Zero (1985) lautet ganz anders als das englische Original: People are afraid to merge on freeways in Los Angeles; warum diese eigenartigen Kursivsetzung von freeways?).


Snapmatic Screenshot GTA V

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