6. September 2017



Du kennst den typischen Aufbau und Ablauf von Nachrichtensendungen: Kurze Videosequenzen folgen aufeinander und eine Stimme redet über das, was gerade zu sehen ist. Es gibt in Nachrichtensendungen einen Zusammenhang zwischen den Bildern und den Worten. Wenn der Name des Oberhaupts von Land x fällt, wird eben jenes Oberhaupt gezeigt, etwa beim letzten öffentlichen Auftritt, beim Empfang von Gästen, wie es dem Bundeskanzler die Hand schüttelt usw. Manchmal gibt es Interviews, danach geht es „zurück ins Studio“ und der nächste Beitrag folgt im selben Schema.

(Du kannst diesen typischen Aufbau und Ablauf auch komödiantisch begreifen: Es gab vor Jahren die von mir geschätzte Sendung ohne Namen im ORF (sehr selten dazu eingeschalten), die genau dieses Konzept nutzte. Unnötig komplizierte Texte wurden vorgelesen und dazu irgendwie zuordenbare Bilder gezeigt: Man hört „die Deutschen“ und sieht Hitler, man hört „in erster Linie“ und sieht jemanden beim Koksen, man hört „herzlich“ und sieht ein Kind, das sich ein gigantisches Lebkuchenherz in den Mund steckt. Und immer, immer drängte sich mir die Frage auf, ob der Text das Bild festlegt oder das Bild den Text.)

In der Zeit im Bild vom 5. September wurde der im journalistischen Überschriftendeutsch betitelte Beitrag „Putin gegen Sanktionen im Nordkorea-Konflikt“ gezeigt. Nach einer einleitenden Moderation beginnt die Stimme eines Nachrichtensprechers zu sprechen und die Bilder kommen. Der Nachrichtensprecher sagt Abwehrraketen und am Bildschirm wird eine große Rakete gezeigt, der Nachrichtensprecher sagt Seemanöver und der Bildschirm zeigt Kriegsschiffe. Der Nachrichtensprecher sagt Südkorea und man sieht Moon Sang Gyun (Infotext), den Sprecher des südkoreanischen Verteidigungsministeriums, der hinter einem Pult zu Menschen und Monitoren vor dem Pult spricht. Der Nachrichtensprecher sagt US-Präsident Trump und man sieht den Twitteraccount von Trump und einen Trumptweet, dann geht es weiter mit dem nordkoreanischen UN-Botschafter und Bildern aus einer Botschaft.

Trump heißt auf Twitter @realDonaldTrump ‏und der Twitteraccount von Trump lenkt die Welt, dich und mich ab vom ernannten amerikanischen Präsidenten. Wer amtiert als US-Präsident Trump? Ist es der einundsiebzigjährige, ehemalige Reality-TV-Star, der als Antipolitiker performt oder der @realDonaldTrump, der Twitteraccount, der echter Donald Trump heißt? Der Nachrichtensprecher sagt US-Präsident Trump und schon ist er da, der @realDonaldTrump, ein Bildschirm mit Sätzen. Der echte Trump besteht aus Tweets.

(Ich stelle mir vor, der realTrump schriebe, da im „Weißen Haus“ wäre ein fakeTrump, und der ehemalige Reality-TV-Star würde verhaftet werden und theRealTrump setzte fort, mit seiner invisible hand einen Raketentweet nach dem anderen in deine und meine Bildschirmwirklichkeit zu menetekeln.)

Zu /texte.