Ich weiß nicht, wer Diego Maradona war, ein Fußballerspieler, ich kenne mich damit nicht aus und es interessiert mich nicht. Diego Maradona ist gestorben und darüber wurde in den Fernsehnachrichten zur Hauptabendzeit berichtet und dann auf der Titelseite der regionalen Tageszeitung („Idol zwischen Rampenlicht und Abgrund. Fußball-Ikone Diego Maradona erlag einem Herzinfarkt“). Ich habe die Beiträge nicht aufmerksam verfolgt.
Ich kann vielleicht fünf Fußballspieler aus dem Gedächtnis aufzählen – Pelé, Ronaldo und Ronaldino (wenn das zwei verschiedene Personen sind), Toni Polster, Hannes Krankl, David „Pacman“, und Schweinsteiger (als ich einmal in Venedig war, in einer Bar, hat ein Tifoso, der das im Flatscreen übertragene Fußballspiel Deutschland gegen Irgendwen verfolgt hat, alle paar Minuten auf Italienisch SCHWEINSTEIGER durch die Bar gerufen) – und jetzt sehe ich mit Erstaunen, wer, oder eher, wie viele, sich online über den Tod von Diego Maradona äußern.
Diego Maradona starb während der weltweiten Covid-19-Pandmie. Sein Sarg wurde zur öffentlichen Verabschiedung im Regierungspalast aufgestellt („Regierungspalast“ wurde ohne Kontext genannt) und die Verabschiedung im Internet gestreamt. Die Kamera war fest montiert und übertrug nur ein Bild: In der unteren Bildmitte war das Kopfende von Maradonas Sarg zu sehen, dahinter eine Absperrung. Man sah zu, wie Securitymänner mit schwarzem Mundschutz die vielen Besucher und etwas weniger Besucherinnen hinter der Absperrung vom linken Bildrand zum rechten durchschoben. Wer in der Mitte stehenblieb, wurde von den Securitymännern weitergeschoben. Kurzes Bekreuzigen, ein Heben der Hände, andere Gesten irgendwo zwischen Fußball und Trauer wurden toleriert. Einige der durchgeschobenen Trauerfans hatten Trikots mit, andere Blumen, die sie Richtung Sarg warfen, wo sich immer mehr Fußball- und Trauerartikel auftürmten. Manchmal wurde im Stream das Bild einer anderen Kamera gezeigt, die die Warteschlange vor dem Eingang des Regierungspalasts aufnahm und manchmal wurde das Bild einer Deckenkamera übertragen; von dieser Perspektive aus sah man die Blumen, Trikots und Schals, die am Sarg und um den Sarg herum am Boden lagen.
Die Trauernden haben mich an Schauspieler beim Vorsprechen erinnert. Sie tragen Fußballkleidung (ihre Kostüme) und drücken Abschied und Trauer aus (ihre Rolle). Es war bizarr und ich habe mich nicht ausgekannt. Ist das schön, pietätlos, Fließbandabfertigung, Hooligan, Covidhygiene, traurig, lustig? Ich schicke den Link einer befreundeten Trauerrednerin, die dazu antwortet so als hätte maradona allen gehört. Hat er allen gehört?
Der jugoslawische Schriftsteller Danilo Kiš schreibt in der Erzählung Die Totenfeier (Posmrtne počasti) vom Tod und dem Begräbnis der Hamburger Hafenprostituierten Marietta. „Sie liebte die Matrosen aller Häfen“, sagt ein Matrose in seiner Grabrede, „und hatte keinerlei Vorurteile gegenüber Hautfarbe, Rasse oder Religion. […] An ihren Lilienhals drücke sie, als Siegel einer allgemeinen Verbrüderung unter den Menschen, Malteserkreuzer, Kruzifixe, Sterne Salomons und russische Ikonen, Haifischzähne und Talismane“. Marietta wollte allen gehören und sie gehörte allen. Für ihr Begräbnis wurden die Parkanlagen und bürgerlichen Garten geplündert und die Blumen dort ausgerissen. Als die geraubten Blumen in das offene Grab geworfen wurden, geschah ein „Wunder revolutionären Ungehorsams“: Die Matrosen und Hafendirnen „begannen wütend, im Rausch, mit Tränen und Zähneknirschen, die herrlichen Gladiolen zu zerreißen, sich ihre Handflächen an den Dornen der Rosen blutig zu stechen, die Tulpen zusammen mit ihren Stengeln zu raufen, Nelken mit den Zähnen zu zerbeißen, und das Gemenge reichten sie einander bündelweise von Hand zu Hand. Bald wurde so ein Hügel von Blumen und Blumenblättern aufgerichtet, ein Scheiterhaufen von Tulpen, Hortensien und Rosen, ein Grabmal von Gladiolen, und das Kreuz, das sich über dem frischen Grabhügel erhob, und der Grabhügel selbst verschwanden unter diesem gewaltigen Schober, der einen eigentümlichen Duft nach verblühtem Flieder verbreitete.“
Mich beeindruckt der erzählte Hügel aus Blumen, aber ich verstehe es nicht und „Wunder revolutionären Ungehorsams“ ist für mich keine Erklärung. Was soll das bedeuten? Bei Diego Maradona war der Boden unter dem Hügel aus Blumen und Fanartikeln nicht mehr zu sehen, aber der Sarg ist darin nicht verschwunden und es gab keinen revolutionären Ungehorsam, es gab Securitymänner und einen Livestream.
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