Vor der Seuche

Dezember 2021

Wir sind träge geworden und wir erinnern uns schlecht, aber wir erinnern uns, dass es einmal eine Zeit vor der Seuche gegeben hat, und wir wissen, dass wir uns nach dem sehnen, worüber wir nichts Genaueres mehr wissen. Wir wissen, was Nostalgie bedeutet, aber wir sind nicht nostalgisch. Es hat einmal eine Zeit gegeben, in der wir uns vor dem Fäkalien-Jihad gefürchtet haben und deshalb nicht mehr ins Erdbeerland gegangen sind. Wir haben uns einmal nur über die Registrierkassenpflicht geärgert. Wir haben einmal Pokémons gesammelt und sind dabei verunglückt. Die Stimmung war schlecht und das war wichtig, weil die Stimmung war damals wichtiger als alles andere. Menschen haben einander zunehmend ähnlicher gesehen. Männer hatten lange Bärte und Frauen lange Haare und Hipster sind mit Jihadisten verwechselt worden. Wir haben offline davon erzählt, was online passiert. Wir haben uns empört oder gehasst. Es gab einmal ein Jahr, in dem wurde gesagt, wir wären entzweigerissen. Wir haben nicht gewusst, ob die Gegenwart schlimmer ist als die Zukunft oder die Zukunft schlimmer wird als die Gegenwart. Wir haben über Idioten gelacht und dann sind die Idioten gewählt worden. Niemand war glücklich, aber alle haben für Social-Media-Content gefeiert. Wir haben ironische Entscheidungen getroffen. Wir haben die Idioten ironisch unsere Entscheidungen treffen lassen. Wir haben „Leben“ gesagt und „Internet“ gemeint. Es gab einmal viele Tote und Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis gewonnen.

In den Sommermonaten haben wir uns sexuell belästigt. Terroristen haben uns getötet und wir hatten Angst vor emotionaler Bindung. Horrorclowns haben uns am Weg zur Arbeit und am Weg nach Hause bedroht. Aber der Schrecken kam von etwas bereits Bekanntem, die Horrorclowns waren wir selbst. Wir hatten uns schon vorher belästigt, aber konnten nicht darüber sprechen. Wir waren sprachlos und haben Hashtags bekommen. Hashtags haben uns miteinander verbunden und voneinander getrennt. Der Sommer war wie eine Episode Black Mirror. Wir waren ständig online, um zu kontrollieren, ob unser Onlinestatus als abwesend angezeigt wird. Wir haben virtuelle Blumenkränze getragen und über unsere Hundegesichter gelacht. Wir haben den Harlem-Shake getanzt und gelikt, wenn jemand den Harlem-Shake getanzt hat. Wir haben gefilmt, wie wir Körper und Lippen synchron zum Happy-Song bewegen, so als ob wir glücklich wären, und haben die Videos gepostet, in der Hoffnung, von den Likes glücklich zu werden. Der Happy-Song: Clap along if you feel like happiness is the truth. Wir haben uns damals ohne TikTok über den Happy-Song freuen können.

Wir sind einmal beschäftigt gewesen. Alles war verfügbar, wir dachten, für immer. Wir haben unser Gesicht nicht gezeigt, auch wenn wir es einmal entblößen konnten. Wir hatten Blickkontakt, wenn wir nicht gerade woanders hingeschaut haben, weil wir beschäftigt waren. Jugendliche, eine ganze Fußballmannschaft samt Trainer, waren in einer Höhle gefangen und die Regenzeit kam näher und das Wasser stieg höher mit dem Grad unserer Aufmerksamkeit, aber das war in Thailand, und das war weit weg. Es gab lahmen Protest gegen die Zwölfstundenarbeit und die, die ihre Pflicht getan hatten, protestierten gegen ihre eigenen Entscheidungen. Das Kind, das Kanzler wurde, schwieg und grinste blöd für alle Tage.

Menschen wurden von selbstfahrenden Autos überfahren. Wir haben Dinge im Internet bestellt, wir sind im Fitnessstudio gewesen. Wir haben uns optimiert. Unsere Enttäuschung über den fehlenden innovativen Neuwert der Apple-Produkte war groß, aber wir haben sie trotzdem gekauft. Wir haben alles gekauft. Wir haben uns beim Auspacken gefilmt. Der Konsum machte uns besinnungslos, was nicht schlimm war, weil wir konnten auch unsere Besinnungslosigkeit konsumieren. Wir hatten Emojis für alle Stimmungen. Wir haben uns darüber gefreut, noch mehr heiraten können. In den Kinos wurden dreidimensionale Filme gezeigt. Was vor ein paar Jahren noch Kinoutopie gewesen ist, interessierte keinen Menschen mehr. Wir wollten Dinge, die es noch nicht gab: Echte Hoverboards und Lieferdrohnen von Amazon.

Wir haben nicht an die Vergangenheit gedacht, nur an Hitler, aber an manchen Tagen wollten wir sein wie die Idioten aus Jackass, die früher so viel Spaß hatten und Schmerzen und so unzerstörbar waren. Wir wollten Jackassfreunde haben und mit ihnen wieder einmal etwas unternehmen, wilde Tiere ärgern oder Zimt durch die Nase sniffen, aber wir konnten nicht, weil wir waren verheiratet und hatten Angst vor den unangenehmen Fragen der Kinder. Wir haben in den Spiegel geschaut und uns gefragt, welches Emoji am besten passt: Es war Disappointed Face.

Jeder Tag im Internet war Rassismusdebatte und Sexismusdebatte und keine Debatte führte irgendwohin. Wir haben uns gegenseitig Privilegien vorgeworfen. Die Fetten wurden diskriminiert, weil sie nicht dünn waren, die Abgemagerten wurden diskriminiert, weil sie so ungesund aussahen und die Gesunden sollten ihr privilegiertes Maul halten, weil sie nicht wussten, wie es ist, nicht gesund zu sein. In den Speisekarten sind Allergene angegeben worden, wir haben unsere Pronomen angegeben. Wir wollten wie Dinge sein, die man nicht als Dinge behandelt. Wir waren they, his/him, she/her, vegan, queer und neurodivergent, intolerant gegen Lactose und Intoleranz und offen für alles, solange CNs angegeben sind.

Es war heiß, Kinder haben in der Hitze gegen die Hitze demonstriert. Wir sind mit E-Scootern den überall an den Orten unserer Verzweiflung liegengelassenen E-Scootern ausgewichen und haben nicht gewusst, ob das der Umwelt nützt oder schadet. Aus Angst voreinander wurden Grenzen befestigt, und nachdem Zäune aufgestellt worden waren, verfielen sie wieder. Wir streamten alles: Tiere, Drogen, Pornos und Musik. Die Musik war lethargisch und lustlos, Sängerinnen und Rapper haben ihre Worte undeutlich ausgesprochen und wir hatten keine Lust, richtig zuzuhören. Auf Ibiza hat ein korrupter Neonazi die Protestwähler der faschistischen Partei Österreichs verschreckt. Wir erinnern uns an Skandale und daran, dass schon seit langem niemanden mehr etwas peinlich war. Wir haben am Ballhausplatz zur Musik der Vengaboys getanzt als wäre das Jahr 1999 nie vorbei gewesen (die Vergangenheit ist nie vorbei). Im Herbst sind die Protestwähler zuhause geblieben, die anderen haben die Faschisten gewählten.

Beim Versuch, marginalisierte Randgruppen nicht weiter zu marginalisieren, sind wir zu richtigen Arschlöchern geworden. Paranoia und Angst gingen durch das Land wie Gespenster. Wir wollten nur noch Pronomen sein. Wir wollten die Regeln wissen. Wir haben nach Regeln gefragt und an Regeln erinnert. Unser Thema war der Hass. Wir konnten nicht genau sagen, wer uns gegeneinander aufgehetzt hat, aber wir wussten, dass die Anderen Feinde waren. Wir waren radikalisiert. Wir wurden diskriminiert. Wir hassten einander und vor allem uns selbst. Faschisten haben regiert, und die Faschisten, das waren wir selbst. Die Jahreszeiten waren Hate Speech, Gleichgültigkeit, Ohnmacht und Diskriminierung.

Das Plastik in den Weltmeeren verschwand von den Webseiten, die über den brennenden Regenwald geschrieben haben. Der Regenwald in Brasilien brannte. Der Kontinent Australien stand in Flammen. Wir haben uns kaum mehr daran erinnert, dass Notre-Dame abgebrannt ist. Wir hatten Sorgen um die Unternehmen und um die Selbstständigen. Wir haben uns über den öffentlichen Umgang mit Brustwarzen beschwert und nirgendwo gab es mehr freie Parkplätze.

Anfang des Jahres 2020 ist die neue Hoffnung in Angst und Wut umgeschlagen. Unsere Endzeitphantasien waren beflügelt, aber dann ging die Zeit vor der Seuche zu Ende. Wir starben, aber wissen heute, so sind wir nicht, so sind wir nicht mehr, so waren wir nicht. Wir waren nicht so, das waren die anderen, uns gab es so nicht, es gibt uns nicht. Wir wissen nichts Genaueres.

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