Anfang September wird Shadow of the Tomb Raider kostenlos im EPIC-Store angeboten und ich kaufe es in nostalgischer Erinnerung an das Venedig-Level in Tomb Raider II um Null Euro. Ich unterbreche den Text gleich jetzt, weil ich einige Tage später meine, zu verstehen, warum Shadow of the Tomb Raider Anfang September um Null Euro angeboten worden ist: der EPIC-Store gibt eine Push-Nachricht aus, VORVERKAUF: UNCHARTED Legacy of Thieves. Kaufe es jetzt vorab und erhalte in Fortnite den Hängegleiter „Sullys ‚neues‘ Wasserflugzeug“! Von daher weht der Wind! Lara Croft soll die Grabräuber:innen einfach nur für Nathan Drake anheizen – Tomb Raider um Null Euro, aber dafür im Oktober mehr Verkäufe von Uncharted um 49,99 Euro oder was.
Shadow of the Tomb Raider schaut schön aus (aber nicht so schön wie Uncharted), und im Spiel wird viel geklettert (aber auch die Kletterpassagen sind in Uncharted schöner). Lara Croft springt mit ihren Kletteräxten von einer porösen Felswand zur nächsten; diese Felswände sehen aus wie verhärteter Sand und ich denke an Nathan Drake.
Je suis désolé. Außerdem nerven mich die Sprung- und die Rätselpassagen. Wozu das Ganze? Haben Inkas und Mayas ihre Grabstätten wirklich so gebaut, mit Hebeln und Rätseln? Alles ist so perfekt durchdesignt, es gibt keine Gänge, die im nirgendwo enden, alles passt zusammen. Wenn tatsächlich einmal etwas zusammenbricht, weil ich darauf herumklettere, dann gibt es genau einen Reserveweg. Es nervt mich. Lara Croft platzt in die Grabstätten, raubt Relikte, alles stürzt ein. Können die Gräber nicht so bleiben wie sie sind?
Bei den Wasserrätseln frage ich mich, ob ich Lara Croft durch eine alte Grabstätte bewege oder durch ein Super-Mario-64-Level. Statt verhutzelter Mumien könnten sich hier auch bunte Wasserläufer tummeln und die lustige Musik von Atlantis Aquaria abgespielt werden, es wäre dasselbe. Das Wasser, das sich in den hunderte Jahre alten Hydraulikruinen angesammelt hat, ist so klar wie Plastik.
Das letzte Tomb-Raider-Spiel, das ich gespielt habe, war Tomb Raider IV, irgendwann Anfang der 2000er-Jahre. Ich habe die ersten vier Spiele gespielt, die Filme mit Angelina Jolie gesehen, den neuen Film und das Musikvideo von den Ärzten. Inzwischen habe im Wesentlichen alles vergessen, außer, dass die Steuerung im dritten Teil so befreiend genau war und das Venedig-Level im zweiten Teil so schön.
Ich starte ein uTube-Video mit dem Venedig-Level und zeige es K. Ich sage, Schau, was das für ein schönes Level ist, ein Computerspiel, das im echten Venedig spielt, aber sie sagt, dass ihr beim ruckelnden Video mit der schlechten Auflösung schwindlig werde, und geht.
Lara Croft hat es in Shadow of the Tomb Raider eilig. Sie hat keine Zeit, sich um Tsunamiopfer zu kümmern und will sich so schnell es geht aufmachen, um im Dschungel mit einem Flugzeug abzustürzen. Im Dschungeldorf gibt es aber zuerst einmal Nebenquests. Außerdem: Fünf Blumen auf Bäumen pflücken (hab ich gemacht, weil mir das Herumspringen auf den Bäumen gut gefällt, es erinnert mich an das The-Lion-King-Spiel, das so unmöglich schwer ist), oder Vogelnester abschießen (verstehe ich nicht ganz, aber hab auch erledigt). Später: Fünf Pflanzen aus dem tiefen Wasser pflücken (hab ich auch erledigt).
Ich kann in Schlammtümpel abtauchen und Lara Croft mit dem Dreck beschmieren, um sie vor den Gegnern zu tarnen (das steht auch am Ladebildschirm). Lara Croft verschmilzt dabei quasi mit den von Pflanzen überwucherten Dschungelwänden und kann mit ihren Kletteräxten lautlose Kills machen. Ich erhalte das Rambo-Achievement.
Das Spiel macht es durch Dialoge überdeutlich, dass die Gegner (ausschließlich Männer), die ich heimlich einen nach dem anderen ausschalte, moralisch verkommen sind – aber es ist auch klar, dass sie einfach ihre Arbeit machen, irgendwelche Dieselgeneratoren bewachen oder so. Das sind keine hochqualifizierten Verbrecher, sie sind ungebildete Lohnarbeiter, keine Ideologen, sondern arme Schweine. Ich töte sie alle, so als ob es ihre Schuld wäre, dass „Doctor Dominguez“ (ich habe keine Ahnung, wer das ist), irgendwelche alten Gräber freisprengen will. Damit ich nicht auf solche Gedanken komme, rufen diese ungebildeten Lohnarbeiter stupid archeologists während ich sie schlammbeschmiert in einer Dschungelwand versteckt belausche.
Ich springe von Plattform zu Plattform, ich lege Hebel um, ich stürze in die Tiefe, ich löse Rätsel, ich übersehe oft, dass ich an einer Stelle doppelt springen kann. Ich stehe bei einem Rätsel im Kuwaq-Yaku-Level an und kann es nur mithilfe des Internets lösen: Lara Croft muss das vsync deaktivieren, damit sich das Tor öffnet. Ich mag die Landschaft und den Dschungel. Spricht Lara Croft Spanisch oder nicht? Warum verstehen mich die „Einheimischen“ die mit mir Spanisch reden und denen ich auf Englisch antworte? Was mich nicht interessiert, sind die Kletter- und Rätselpassagen. Auch in Uncharted haben mich die Kletterpassagen nicht interessiert. Ich weiß nicht mehr, ob es Rätsel gab (vermutlich schon, und vermutlich waren sie nicht schwer). Ich schaue mir auf uTube Uncharted-Gameplay-Videos an, die Leute in den Kommentaren schreiben sinngemäß I do not remember anything of this game, und mir geht es genauso. Ich denke, dass Tomb Raider nur deshalb so interessant ist, weil man ständig den Körper von Lara Croft anschaut und bewegt.
Im Steam-Forum lese ich:
I’ve played this game for almost 90 hours and JUST found out there are mods for Lara to have MASSIVE POLYGONAL TITTIES!!!
25th of October, 1996… I can still remember the jaw-dropping first moments of the original Tomb Raider on my Sega Saturn. I had such a crush on Lara. For some young kids their first awareness of the opposite sex was the Playboy they found on their fathers garage. Mine was Lara.
Lara Croft ist in Shadow of the Tomb Raider vollkommen entsexualisiert; ihr ass ist einfach nur ein Gesäß, kein sexualisiertes Körperteil. Wenn man ein Kleid als Outfit wählt, trägt Lara Croft darunter eine kurze Hose. Hätte es das vor 25 Jahren auch gegeben? In der Zeit als ich Tomb Raider spiele, schaue ich mir Revenge an, den „feminist horror for the post-Weinstein era“. Im Internet steht, „Here is an exploitation film that turns exploitation upside down“, aber ich verstehe nicht, was der Film auf den Kopf stellen soll, oder warum er feminist sein soll im Gegensatz zu den hunderten anderen genau gleichen Filmen, in denen eine Frau vom Opfer zur Rächerin wird, die aber nicht feministisch seien. Im Internet steht, dass Revenge feministisch sei, weil am Ende ein Mann nackt herumläuft, aber ich halte das nicht für besonders feministisch. Passiert nicht in jedem Rape-and-Revenge-Film mehr oder weniger dasselbe? Warum soll I spit on your grave nicht feministisch oder wenigerer feministisch als Revenge sein? Einige Tage später schaue ich mir Corsage an. Ich weiß nichts über Kaiserin Sisi. Aber im Film ist klar: sie möchte weg, alles ist wie eine Corsage. Will Lara Croft aus Tomb Raider fliehen?
Es gibt so viele Spiele mit Lara Croft, es gibt so viele Filme über Sisi: Nächstes Jahr erscheint der Film Sisi & Ich, letztes Jahr wurden zwei Serien, Sisi für RTL und den ORF und The Empress für Netflix, gedreht, und heuer kam Corsage in die Kinos. Kaiserin Elisabeth muss für die Emanzipationsphantasien der Drehbuchautor:innen genauso herhalten wie Lara Croft für die Sexphantasien der Spieler:innen. Ich starre im Spiel auf den Körper von Lara Croft, zoome auf ihr Gesicht, sie schaut genervt aus. Es ist 2022. Es ist 1996. Es ist 1897.
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