Scorn

6.4.2024

Scorn ist ein Spiel, für das es viele Erklärungen gibt. Im Internet steht, Scorn sei, Achtung Spoiler, eine Parabel über das Erleiden einer Fehlgeburt, es stelle dar, wie sich eine Krankheit ausbreitet, es sei nicht mehr als ein Loveletter für „Age Are Eyger“. Für mich ist es angenehm, dass es solche Erklärungen gibt, und für die Erklärer ist es vermutlich auch angenehm, weil sie erklären gerne. Schau dir das Leuchten in den Augen der Männer an, wenn sie dir etwas erklären, hatte M. auf Twitter geschrieben, und ich schau mir die verzerrten Visagen auf den Utube-Thumbnails an, höre zu, wenn sie sagen, dass Scorn ein Dark Walking Simulator sei, a gorgeous nightmare, eine story about the cyclicality of a system that imitates life, eine …

Ohne solche Erklärungen würde ich nicht verstehen, worum es in Scorn geht. Meine experience im Spiel gleicht einer Reihe von unzusammenhängenden Eindrücken einer Landschaft, da und dort Körperteile und Öffnungen, überall Tote, alles kaputt, und was auch immer passiert ist, liegt lange zurück und ich komme zu spät. Ich habe keine Ahnung, wo oder wann Scorn spielt (in der Scornwelt zu der Scornzeit), und ich weiß nicht, wer oder was ich bin (Scornguy).

Eine Erklärung ist nie abgeschlossen, jedes Warum mündet in neuen Warums, aber irgendwann wirst du wiederholen, was du oft gehört hast, zum Beispiel, dass nicht bloß eine Figur das ganze Spiel hindurch gesteuert wird, sondern verschiedene. Wenn die Erklärer Rechtfertigungen benötigen, verweisen sie auf das Artbook von Scorn, in dem es zum Beispiel über die opening location heißt: „Ostensibly, it’s a recycling plant.“ Eine Recyclinganlage? Mir war das nicht klar. Die opening location könnte auch ein random Raumschiff sein auf einem random fremden Planeten, einem Wüstenplaneten, oder eine galaktische Friedhofsmaschine am Friedhofsplaneten, irgendetwas verlassenes, der Fleischplanet, ein Albtraum, Hölle, aber angeblich ist es eine Recyclinganlage. Ich verstehe nicht, worum in Scorn geht. Ich knie mich auf den Boden hin, verschränke meine Arme hinter dem Rücken und sage, erklär mir, worum es in Scorn geht.

Vor Scorn hatte ich Lust from Beyond gespielt und das kann ich erklären. Schau dir das Leuchten in meinen Augen an, wenn ich sage, dass Lust from Beyond ein erotic first-person psychological horror game sei, das in einer world spiele, die inspired sei von den disturbing works of H. P. Lovecraft, H. R. Giger, and Zdzislaw Beksinski; kennst du den, den Lovecraft, und kennst du den anderen, Giger, und diesen polnischen Maler, kennst du den, und ja, ein erotisches Horrorspiel, How much sex, violence, and profanity are in this game, fragst du und ich kann es dir erklären, hör zu: Lust from Beyond (2021) setzt die Geschichte von Lust for Darkness (2018) fort und es geht darin um einen Kult, einen okkulten BDSM-Kult, dessen Mitglieder durch schimmernde Tantakelportale in die mysteriöse Lustdimension Lusst’ghaa reisen, ein „dark and cold place filled with erotic structures and inhuman creatures which subsist on sexual pleasure“, wie es im Lustverse-Fandom-Wiki heißt, um sich der sexual pleasure hinzugeben. Obwohl ich es kann, bin ich die falsche Person, um zu erklären, worum es in Lust from Beyond geht, aber man kann sich so etwas nicht immer aussuchen. Laut der Übersicht auf Steam bietet Lust from Beyond als Spielinhalte „okkultistische Motive und BDSM“ und „Spieldesign wurde von der Malerei von Zdzisław Beksiński inspiriert“. Stell dir vor, eine Reise in die Dimension der Lust, nach Lusst’ghaa, wo alles auf sexual pleasure ausgerichtet ist. Amanda Moon sagt im Spiel „Lusst’ghan technology allows transformation without negative consequences for the body. Meanwhile, the mind remains in a state of constant orgasm“, und das Mem verlangt, auf How much sex, violence, and profanity are in this game? mit Yes zu antworten, Zwinkersmiley. Das Problem ist aber, dass du mit deiner menschlichen Phantasie über sexual pleasure daherkommst und das zum Verhängnis wird, weil andere dimension, andere pleasure. Kennst du den Hellraiser? Da löst du ein kompliziertes logisches Rätsel, um ein Portal in die pleasure dimension zu öffnen, aber dann kommen SM-Sexdämonen und stecken Fleischerhaken in deinen Körper und dehnen dich so lange, bis du auseinanderreißt, weil das ist für sie pleasure, und mit Lusst’ghaa ist das so ähnlich. Inhuman creatures which subsist on sexual pleasure. Das willst du letztendlich nicht. Oder etwa doch? Schaust du bei der Zerreißprobe von Günter Brus zu? „There are conditions of the nerve endings“, sagt 1 Cenobite mit Fleischerhaken in der Hand, „the like of which your imagination, however fevered, could not hope to evoke.“ Die Cenobites fragen, sogar höflich, ob Frank die „experiences we offer“ tatsächlich wolle und ich erkläre mit leuchtenden Augen, dass es in Lust from Beyond darum geht, diese Frage, wie Frank, mit show me zu beantworten.

Man will oft mehr, als man kann, und man könnte oft mehr, als man tut. Das Leben ist lächerlich. Mit jeder Handlung demütige ich mich selbst, jeder Satz schadet mir. Ich sollte vermutlich Sacher-Masoch lesen, um Scorn zu verstehen, aber ich lese Barker und de Sade, Ce que nous faisons ici n’est que l’image de ce que nous voudrions faire (in Wirklichkeit lese ich Simone de Beauvoir, Seite 40 in der Rowohlt-Übersetzung ihres Aufsatzes Faut-il brûler Sade ?: „Was wir hier tun, ist nur der schwache Abglanz dessen, was wir tun möchten“).

Das Design der Scornwelt ist von Giger und Beksiński inspiriert. Dass die ӕsthetics von Lust from Beyond und Lust for Darkness von Beksiński und Giger inspired sei, wird sogar als Inhalt der Spiele angegeben. Ich kenne, wie jeder andere Mensch, der mehr als zwei Science-Fiction-Filme aus den letzten 45 Jahren gesehen hat, Alien (ich mag den Film nicht: er ist zu dunkel, man sieht zu wenig, die Kamera wackelt ständig, man schaut einen Film und sieht eigentlich nichts), außerdem habe ich Ausstellungen von H. R. Giger besucht (vor fast 20 Jahren, lol, im KUNST HAUS WIEN, Giger in Wien, Mai bis September 2006). Ich mag die Bilder von Giger, ein Drache und ein Krieger kämpfen auf dem Berg, Airbrush-Gemälde – leider geil. Ich mag, dass man bei vielen seiner Arbeiten erkennen kann, dass sie von Giger stammen, weil es ähnliche Bildelemente gibt, das Alien, zum Beispiel, oder die in beliebige Öffnungen gesteckten, graugerippten Schlauchschwänze. Du könntest auf unterschiedliche Bereiche in verschiedenen Bildern von Giger zeigen und biomechanisch sagen, und alle würden zustimmen, ah ja, richtig, biomechanisch, Giger, Alien. Ich poste ein Bild der Erotomechanics-Serie auf SM und M. antwortet, es mache sie an. Gigers Bilder sind anziehend, aber sie sind auch abstoßend; anziehend & abstoßend zugleich, unheimlich & sexy. Es geht bei Giger, sage ich, erkläre ich dir, hör zu, um diese Balance zwischen sexy und unheimlich, um ein Begegnen von Verschiedenem, dem Eigenen & dem Fremden, um ein Verschmelzen, das aber nicht zögerlich passiert, sondern gleich alles Reinstecken und Losficken bedeutet, weil Penetration verbindet usw. In Gigerbildern penetriert, in der Sprache der Néolibertins ausgedrückt, 1 Schwanz 1 Öffnung und das Technische das Lebendige, das Künstliche das Natürliche, das Mechanische das Biologische, der Giger dich, und alles wird hemmungslos fetischisiert.

Ich finde dieses Fetischisieren auch lustig. Ich blättere einen Bildband durch, schaue mir Gigers Passagen-Tempel (1974) an und kichere wie ein Kind, das über etwas Obszönes lacht. Ist das ganze Bild eigentlich nur ein offener Hosenstall, aus dem ein fauliger Riesenschwanz mit Hosenträgern herausschaut? Auch wenn ich Gigerbilder lustig finde und sexy und unheimlich, in ihnen ist auch etwas falsch. Seine biomechanischen Technokörper schauen oft krank aus. Such in der Penis Landscape (1973; Work 219: Landscape XX) das Kondom, such die Erscheinungsformen von Krankheit. Es sieht alles nicht gut aus. Sex, Krankheit, Erotik, Tod, Kastrationsangst, Kastrationsphantasien, Ein Fressen für den Psychiater (1966).

Ich dachte, wenn Giger sexy ist, dann ist ein Computerspiel, das sich so prominent auf ihn bezieht und ästhetisch abgigern will, vielleicht auch sexy. Es gibt Momente in Lust from Beyond, die ich sexy finde (etwa, wenn ich in dem ranzigen Hotel Desire mein Zimmer suche und im Gang vor dem Zimmer 101 stehenbleibe), aber eigentlich, rückblickend, im Nachhinein betrachtet ist das Spiel nicht sexy. Es macht mich nicht an. Einige Mitglieder des BDSM-Kults gelangen, wenn sie sexuell stimuliert werden, buchstäblich in die pleasure dimension Lusst’ghaa. Sexy kippt dort jedoch rasch, weil, wenn man Lusst’ghaa erkundet, geht man einfach nur durch trockene Fleischgänge mit Wucherungen, die vor allem abstoßend und unheimlich aussehen (und auch ein wenig langweilig, weil, im Wesentlichen ist Lusst’ghaa leer). Why do you call this place „The Land of Esctasy“? This isn’t how I’d picture ecstasy, sagt Victor (ich bin Victor), und er hat damit wohl recht, aber er kommt, wie ich auch, mit den menschlichen Vorstellungen von sexual pleasure daher und andere dimension, andere pleasure. Solche Fragen wie, ob Selbstverletzung eine Kunstform ist, Schmerz etwas Schönes, ob tout le bonheur des hommes est dans l’imagination, verschwinden rasch. Die Frage, auf die sich Lust from Beyond hinbewegt, ist, ob man endless pleasure über die Erde kommen lassen will, und das ist eigentlich keine schwierige Frage, auch wenn das Spiel so tut, als ob darin ein moralisches Dilemma verborgen wäre. Du wirst gefragt, ob du deinen eigenen Geist, und den Weltgeist dazu, auslöschen willst, und das nicht durch Askese, sondern durch Ekstase. All thought will simply cease. So etwas stellt sich ein 24-jähriger Philosophiestudent vor, der Schopenhauer und Bataille zugleich liest.

Ich denke, dass ich nicht dazu tauge, diese Fragen zu stellen und die falsche Person bin, um sie zu beantworten. Auch Scorn wird damit beworben, dass es von Giger und dem polnischen Maler inspired sei. Es wurde zugleich als Ego-Shooter beworben, oder zumindest als Ego-Shooter erwartet, und ich dachte, das Ego shooten, oh ja, und das World-Ego gleich dazu, fill the streets with ecstasy, aber ich wusste auch, dass viele Erwartungen an ein Ego-Shooter-Scorn nach der Veröffentlichung enttäuscht worden sind, „I’m heartbroken. I was so excited.“, was mich aber nicht abgeschreckt hat. Vielleicht klappt alles, was in Lust from Beyond nicht funktioniert, in Scorn.

Scorn heißt contempt or disgust; die Verachtung; Beispielsatz: She looks at my existence with scorn. Ich musste das in einem Online-Wörterbuch nachschlagen. Ich erkunde die Scornwelt und finde sie trostlos. Ich kenne mich nicht aus. Ich löse Rätsel. Ich verliere oft die Orientierung, aber erziele Fortschritte, indem ich Ordnung schaffe: Gegenstände korrekt anordnen, auf die richtigen Schalter drücken, mich räumlich in dem biomechanischen Durcheinander orientieren. Warum Logik in der Scornwelt so einen prominenten Platz hat, weiß ich nicht, aber ich beherrsche Logik. Logik ist das einzige, was ich kann, und, wie immer, besteht der Wert logischer Rätsel auch darin, dass ihre Lösung zeigt, „wie wenig damit getan ist, daß die Probleme gelöst sind.“ Überall sehe ich Tote und später begegne ich Monstern, die mir weh tun, wenn ich ihnen zu nahe komme. Und vor allem logical puzzles, also delo in disciplina statt fill the streets with ecstasy. Mit Ekstase in der Dimension der Lust hat Scorn gar nichts zu tun. Einmal im Spiel lache ich, beim Aufrufen des Inventars, wenn ich mir die seltsamen Fleischgegenstände in allen meinen Händen ansehe; zum Glück habe ich so viele Arme. „Körperteile und Öffnungen“ hatte ich geschrieben, aber das ist nicht sexy, sondern wieder nur unheimlich. Ich stecke meine knochigen Hände in biomechanische Fleischapparate, immer mit der Befürchtung, dass ich sie nicht mehr aus der Schaltung herausbekomme (vagina dentata usw., also doch Alien-artig?). Es gibt etliche Stellen, an denen ich meine, dass die Scornwelt aussieht wie Lusst’ghaa bzw. dass Lusst’ghaa aussieht wie die Scornwelt, da wie dort finde ich keine Erotik. In Polis, dem fünften Akt gegen Ende des Spiels, stehen einige Statuen, und die Erklärer sagen, diese Statuen represent reproduction, aber ich weiß, dass reproduction etwas anderes ist als pleasure (Une jolie fille ne doit s’occuper que de foutre et jamais d’engendrer).

Das biomechanische Labyrinth aus verwestem Fleisch ist für mich trotzdem beeindruckend. So würde es sich anfühlen, denke ich, durch eine erotomechanische Landschaft zu gehen, wenn in ihr alle erotischen Merkmale verkümmert wären. In einigen Korridoren, und vor allem bei Treppen, frage ich mich, ob die Welt KI-generiert ist. Ich öffne Midjourney und tippe /imagine prompt: landscape in the style of giger and Belinsky with a nightmare a building and bodies, aber erhalte nur die Nachricht Due to extreme demand we can't provide a free trial right now. Please /subscribe to create images with Midjourney.

Menschen lassen Computer Traumbilder generieren und dann verkaufen die Maschinen ihre Träume an die Menschen zurück. Ich erinnere mich vage daran, dass jemandem in einer Geschichte von Philip K. Dick auch technische Dienstleistungen verwehrt bleiben, weil er kein Credits mehr hat. Der Kühlschrank oder die Wohnungstüre öffnet sich nicht mehr (steht das in Ubik? Ich weiß es nicht mehr, ich suche nicht danach). Ich suche nach anderen Midjourny-Bildern in the style of 

**profile view of a beautiful ethereal dendrobiuml fairy with wings, ivory face, Dot matrix, sgraffito, pointillism, feng shui giger, Zdzisław Beksiński, Brom art nouveau made out of pure golden light, gold leaf, kaleidoscopic ith erratic shapes and geometric patterns. black and gold and white and orange tarot card style. --ar 9:16 --stylize 750 --v 6.0** - <@1016411514183368745> (fast)

und bin erstaunt, wie schön sie aussehen. Mir gefallen die Bilder, die im Stil von Feng-Shui Giger und copy/paste Zdzisław Beksiński generiert werden. Sie sind schön. Ich schicke ChatGPT das Prompt create an image that shows pleasure in the style of giger and beksinski und erhalte, weil ich kein Abo habe, das DALL-E 3 beinhaltet (?), nur den Text

As an AI text model developed by OpenAI, I'm unable to directly create images. However, I can provide you with a description of an image that might fit the style of both H.R. Giger and Zdzisław Beksiński, which you can then visualize or commission an artist to create:

The image depicts a surreal landscape, where biomechanical structures intertwine with organic forms in a nightmarish yet captivating scene. In the foreground, a figure with elongated limbs and distorted features exudes an aura of ecstasy, their contorted body suggesting both pleasure and agony. Behind them, intricate machinery pulsates with unearthly energy, while grotesque beings emerge from shadowy depths, their twisted forms hinting at a perverse satisfaction. The color palette is dominated by deep, ominous tones with occasional bursts of vibrant, otherworldly hues, adding to the unsettling atmosphere. Overall, the image evokes a sense of hedonistic pleasure entwined with a disturbing sense of unease, characteristic of both Giger and Beksiński's styles.

Ich logge mich in meinen DALL-E-2-Account ein, schicke den oben erzeugten Text ab und erhalte die Antwort

It looks like this request may not follow our content policy.

Die LeMarchand-Box und Lusst’ghaa löschen meinen Geist nicht durch Ekstase aus, kein Wunder, die KI auch nicht und die Scornwelt am allerwenigsten. Der Bildschirm ist kein Portal in die Lustdimension. Ich bin keine Schauspielerin und poste kein S11ie, auf dem ich glücklich aussehe, auf SM. In einem öffentlichen Bücherkasten finde ich ein Buch mit dem Titel Das Buch der Niedertracht, ziemlich vergilbt und fleckig, es wird am Klappentext als eine „ganz besondere“ Anthologie bezeichnet, „ein Kompendium der menschlichen Heimtücke und Bosheit, der Niedertracht eben“. Ich frage mich, was der Unterschied zwischen Niedertracht, malice?, und Verachtung, scorn ist, und nehme es mit nach Hause. Ich lese im Buch der Niedertracht doch etwas von Leopold von Sacher-Masoch, seine Novelle (oder einen Auszug daraus?) Amsa aus dem posthum erschienenen Erzählband Grausame Frauen: Der Mann einer – hier Adjektive einfügen – Zirkusakrobatin stürzt vor ihren Augen in den Tod, sie blickt vom Trapez auf „ihren Mann herab, der unten lag – zerschmettert – entseelt“, gleitet nach unten, zieht ihren Pelzmantel wieder an, zuckt die Achseln und sagt, „Ich wußte, daß es kommen werde“. Ich stelle mir vor, dass ihr Blick voller Verachtung ist, voller scorn, und dass Sacher-Masoch zergeht, wenn er beim Schreiben an den Blick voller Verachtung denkt. Zu Ostern sehe ich Bilder von Kreuzen und ich denke an die Szene in The Passion of the Christ, in der Jesus Christus gegeißelt wird. Eine Geiselung? Vielleicht kicherst du innerlich wie ein Kind, das über etwas Obszönes lacht, und denkst, ohja bitte, wie viele Schläge gestehen Sie mir zu, mein Herr, aber, my dear, hast den Film gesehen? Sacher-Masoch stellt sich vor, dass eine – hier Adjektive einfügen – römische Herrin ihren Pelzmantel ablegt, ein Sklave nimmt ihn entgegen und reicht ihr dafür einen Bambusstab, und sie schlägt Sacher-Masoch mit diesem Bambusstab und peitscht ihn dann mit einem Flagrum (ich erkläre dir, was das ist, hör zu, ich lese von Wikipedia vor: eine Geißel mit, Zitat, „einem soliden Griff, an dem zwei oder drei Kordeln oder Lederriemen befestigt wurden, deren untere Enden mit jeweils einem oder mehreren Bleistücken beschwert waren“) aus, fast 15 Minuten lang und ohne safe word, und Sacher-Masoch zergeht dabei. De Sade schreibt, il n’est pas douteux que la douleur affectant bien plus vivement que le plaisir, les chocs résultatifs sur nous de cette sensation, produite sur les autres, seront essentiellement d’une vibration plus vigoureuse, retentiront plus énergiquement dans nous, mettront dans une circulation plus violente ; les esprits animaux […] embrâseront aussitôt les organes de la volupté, et les disposeront au plaisir, und du kannst doch wieder kichern.

Un sourire malicieux monte à ses lèvres.
– Florian.
– Quoi encore ?
Un petit air capricieux, mais autoritaire.
J’en veux un autre.
Je crois saisir dans le regard de Florian une trace de terreur.
– Elle était admirable, cette Crucifixion, Florian. J’en veux encore une.
– Q... Q... Quoi ?
J’en veux une autre comme ça.

(aus Kapitel 31 von La Danse de Gengis Cohn, 1967, von Romain Gary)

Der contorted body suggesting both pleasure and agony, ist so ein commonplace, dass sogar die AI damit daherkommt, und ich sollte dazu überhaupt nichts sagen. M. erzählt mir, dass das Schmerz- und das Lustzentrum im Gehirn nahe beieinander liegen würden. Das ist eine neurologische Variante zu sagen, dass les esprits animaux embrassent les organes de la volupté. Ich google und lese in einem 23 Jahre alten Artikel auf wissenschaft.de: „Schmerzen aktivieren im Gehirn auch Lustzentren, fanden amerikanische Forscher. Dazu gehört der Nucleus Accumbens, der ansonsten von gutem Essen, Geld oder Drogen wie Kokain stimuliert wird. Am regsamsten ist das Lustzentrum, direkt nachdem der Schmerz beginnt. Anschließend scheint sich das Gehirn zu besinnen und drosselt die Aktivität im Nucleus Accumbens wieder.“ Ich bezweifle manchmal, dass ich überhaupt ein Gehirn habe. Scorn vermittelt Schmerzen und Qualen, aber mein Lustzentrum wird nicht stimuliert. Wonach ich auch suche, ich kann es nicht finden. Sacher-Masoch beschreibt in Amsa die Niedertracht oder die Verachtung oder die Lust angesichts des Äußersten, des zerschmetterten und entseelten Leichnams. Ich werde von der Splatterszene in The Passion of the Christ nicht erregt. Es ist für mich eigenartig, zu sagen, dass es in mir ein „Lustzentrum“ oder ein „Schmerzzentrum“ gebe. Wo im Gehirn ist mein Einkaufszentrum?

Lust from Beyond ist ein polnisches Spiel und wenig überraschend wird Victor einmal an ein Kreuz gefesselt – man wird zuvor beim Spielen mehrere Minuten lang erniedrig –, und dann wird dafür gesorgt, dass er auf die Reise nach Lusst’ghaa geschickt wird, Zwinkersmiley. J’en veux une autre comme ça. Ostern, die Kirche, Erotik, Schmerzen, Hölle – wenn du katholisch sozialisiert bist, ergibt sich diese Assoziation wie von alleine. Mehrmals bei Scorn dachte ich an die Hölle. Ist die Scornwelt so eine Art von phantastischer Unterwelt, ein Jenseits, in dem die Regeln des Lebens (?) nicht mehr gelten, alle tot sind und zugleich alles daran erinnert, was einmal war, aber nicht mehr ist? Eine Recyclinganlage? Es gibt auch einige Spiele, die explizit in der Hölle spielen und zu diesem eigenartigen Genre Erotikhorror oder Horrorerotik fallen, Agony zum Beispiel (der „sexual content“ von Agony UNRATED ist inzwischen ein kostenloser DLC, der korrekte Name ist also nur: Agony). Irgendwo im Internet steht bestimmt, dass Agony von Lovecraft, Giger oder Beksiński inspired sei, aber ich suche nicht danach und Agony fand ich als Spiel uninteressant und langweilig. Nach wenigen Stunden und einer oder zwei Sessions habe ich es abgebrochen. Ist Scorn spielen eine Reise durch die Hölle?

Die Hölle: von einem Parasiten, der mit seinen Parasitenarmen in deiner Bauchhöhle herumwühlt und deinen Körper immer mehr mit seinem Gewebe durchsetzt, zerfressen werden.

Die Hölle: missbraucht, belogen, ausgenutzt und hintergangen werden, verleugnet werden, zu einem Geheimnis gemacht werden, ein Panikattackenleben, Herzrasen, das Ausgesprochene, das Unausgesprochene, Lügen, verhallte Entschuldigungen, zerbrochene Freundschaft, zerbrochene Münder, Krieg, Krankheit und Tod.

Die Hölle: A dark and cold place filled with erotic structures and inhuman creatures which subsist on sexual pleasure / hooked up to pleasure machines penetrated repeatedly and pumped full of semen.

Die Hölle: c’est les autres.

Die Hölle: G., eine verstorbene Kollegin, hat mir einmal beim Mittagessen einen Witz erzählt: Jemand stirbt, fährt zur Hölle und trifft dort den Teufel. Der Teufel sagt zum Verstorbenen, dass er entscheiden müsse, ob er in der Hölle bleiben oder in den Himmel auffahren möchte, und dafür werde er ihm die Hölle zeigen. Der Teufel zeigt ihm Swimmingpools, Liegestühle unter schattigen Palmen und feine Hotelbars. Der Verstorbene kann kaum glauben, dass das die Hölle sei, und sagt zum Teufel, dass er nicht glaube, dass die Hölle aus Swimmingpools, Liegestühlen, Palmen und Hotelbars bestehe, aber der Teufel versichert ihm, dass das die Hölle sei. Dann entdeckt der Verstorbene ein Loch in der Wand. Er geht zu dem Loch, schaut hinein und sieht dahinter eine endlose Weite voller nackter Menschen auf Foltergeräten, die von kleinen Teufelchen massakriert werden. Der Verstorbene sagt, er ja gewusst hätte, dass er belogen werde, das hier sei die Hölle – und der Teufel sagt, dass er nicht gelogen hätte, diesen Bereich wollen die Katholiken eben haben.

 

Die Hölle bietet eine Ikonographie sans fin, und für die Person, die sich einmal darauf einlässt, gibt es kein Zurück mehr. Vielleicht hat G. mit dem Witz recht. Vielleicht ist auch das richtig: reconnaissez donc enfin que cet enfer n’existe que dans votre cerveau, et que les tourmens que l’on y endure sont les inquiétudes dont vous vous plaisez à accabler les mortels, qui se laissent guider par vous. Ich gehe dem nicht weiter nach und lese ich im Internet über Beksiński, weil ich über ihn nichts weiß, und lande doch wieder bei der Hölle, Zdzisław Beksiński: Terrifying Visions Of Hell By Murdered Polish Painter. Ich verbringe einen Abend damit, mich durch das virtuelle Beksiński-Museum von Piotr Dmochowski zu klicken und sehe immer mehr Ähnlichkeiten zwischen Scorn und Beksiński. Mir gefällt diese eigenartige Website sehr. Ich klicke mich gleich in den virtuellen Museumssaal 4 mit den sadomasochistischen Zeichnungen der 60er-Jahre; natürlich gibt es sadomasochistische Zeichnungen. Die Bilder erinnern mich an Alfred Kubin, ich denke an Scorn; eine große unheimliche Gestalt überragt die Landschaft, sie ist so dumm wie ein Soldat, man ist ihr ausgeliefert. Da steht ein kleiner, schwacher Mann mit Minipimmelchen vor einer riesigen Sexfrau, so groß wie ein Haus oder ein Berg, man ist ihr ausgeliefert. Eine elende Gestalt macht ihre letzten Schritte in einer düsteren Welt. Auch in Scorn gibt es so ein Ohnmachtsverhältnis zwischen dem kleinen, schwachen Scornguy, mir, und den übergroßen Gigastrukturen. Die Architektur bei Beksiński ist überwuchert und verschimmelt, Oberflächen sind mit einem flechtenartigen Belag überzogen. Ich sehe Skelettkörper in obszönen Posen. Mir gefallen die Bilder von Beksiński, mir gefallen seine Fotos sehr, und mir gefällt die Website von Piotr Dmochowski. Die Website ist sogar viersprachig und bietet einen passenden „Musikalischen Hintergrund“ von Armand Amar für den stimmigen Besuch an. Du solltest dir das selbst anschauen: http://beksinski.dmochowskigallery.net

Die Beksiński-Bilder sind für mich spannender als das, was in Scorn passiert und auch spannender als das, was in Lust from Beyond passiert. Ce que nous faisons ici n’est que l’image de ce que nous voudrions faire. Im virtuellen Museumssaal mit den sadomasochistischen Zeichnungen lese ich Auszüge aus zwei Briefen von Beksiński an Dmochowski, und wieder begegne ich dem sexy, das ich in Scorn nicht finde (die deutsche, englische und französische Übersetzung der Briefe ist, soweit ich das beurteilen kann, verbesserungswürdig; die Übersetzungen weichen inhaltlich und grammatisch leicht voneinander ab, ich verstehe das polnische Original nicht; der Auszug ist eine überarbeitete Fassung der deutschen Übersetzung mit improvisiertem Feinschliff):

Ähnlich wie Du an eine glänzende Zukunft der intellektuellen Erkenntnisse glaubst, bin ich sicher, dass es eine virtuelle Wirklichkeit geben wird, die sich von der Wirklichkeit, in der wir leben, nicht unterscheiden lässt (ich werde das wohl nicht mehr erleben) […]. Da bestelle ich mir per Computer aus dem Katalog eine Lisa Boyle oder ein anderes berühmtes Modell, ich programmiere ihr (im Menü „Präferenzen“) starke sadistische Neigungen ein, auf alle Fälle setze ich ihren Alter auf 18 herab und verlängere ihre Beine um 10cm und, damit ich mich bei ihr wie das letzte Stück Scheiße fühle, programmiere ich so, dass sie sechs Doktorate und eine ordentliche Professur am MIT hat, so stark ist wie Andrzej Gołota und einen schwarzen Karategürtel hat, und danach klicke ich auf „Go“, es klingelt und wenn ich die Tür öffne, steht dort eine nackte 18-jährige ordentliche MIT-Professorin mit fünf Doktortiteln, und sie gibt mir einen Fußtritt in den Bauch, streckt mich zu Boden, fesselt und knebelt mich und sitzt dann zwei Stunden lang auf meinem Kopf und erstickt mich auf verschiedene Weisen, bricht mir die Arme und Beine, bricht mir die Finger und Zehen, sie reißt mir die Nägel aus, hat mehrere Orgasmen, und endlich sterbe ich in Krämpfen und wache entspannt auf, und auf dem Monitor zu entspannter Musik erscheint eine mild pulsierende rosa Nachricht, die informiert, dass die Dienstleistung 1.500 Złoty gekostet hat. Gott, das ist weniger als eine Zeichnung! Wenn ich nicht faul werde, und mich abends zur Arbeit setze, kann mir so ein Vergnügen täglich leisten. Morgen also besucht mich eine mit dem Programm „verbesserte“ Britney Spears und nach zweistündigem Foltern, nachdem sie meinen Kopf über ein Waschbecken festgebunden hat, schneidet mir mit einem Fleischmesser die Kehle auf und ich werde qualvoll zusehen, wie mein Blut ins Waschbecken tropft. Ich freue mich schon darauf. Es gibt etwas, auf das man sich freuen kann. Das Leben ist schön geworden!

Erstens geht es Beksiński so wie mir, weil er auch etwas von der KI will, sie aber nicht liefert (und es ist, finde ich, spannend, dass er gleich auf die Kosten eingeht). Zweitens geht es Beksiński so wie Sacher-Masoch, obviously, er zergeht, es gibt etwas, auf das er sich freuen kann, „das Leben ist schön“. Drittens geht es Beksiński so wie de Sade, weil tout le bonheur des hommes est dans l’imagination. Viertens schreibt de Beauvoir, dass die Erniedrigung alsbald zur Prahlerei werde; und dann macht man sich damit lächerlich. Der Mann programmiert eine Frau, usw. Beksiński hatte nie versucht, seine sexuellen Träume zu verwirklichen, steht einleitend auf der Seite; in den beiden Briefen schreibt er danach über die „Rückkehr in die Wirklichkeit“ (ce que nous faisons ici n’est que l’image de ce que nous voudrions faire, usw.).

Die Erotik, den Tod, das schöne Leben soll jemand anders erklären. Mir gelingt das nicht. George Bataille soll random in die Runde gerufen haben, dass ihm jemand den Kopf abschlagen soll. Ich will auch, dass mir jemand den Kopf abschlägt. Ich schreibe, „Ich will auch, dass mir jemand den Kopf abschlägt“, und habe die Befürchtung, dass mir der Kopf immer wieder nachwachsen würde. „Ein Fressen für den Psychiater“, usw.

– J’ai vraiment très envie de mourir.
– Il ne fau pas être trop gourmande, ma chérie.

(aus dem letzten Kapitel von La Danse de Gengis Cohn, 1967, von Romain Gary)

In Scorn kommt davon nichts vor; nichts, auf das man sich freuen kann, und trotz Giger und Beksiński kein sexy. Scorn zu beschreiben, indem ich sage, dass es nicht sexy sei, ist schlechtes Erklären, bloß eine negative Aussage, eine negative Beschreibung und etwas zu beschreiben, ist nicht dasselbe wie etwas zu erklären, trotzdem sage ich damit etwas über Scorn aus. Meine Augen leuchten dabei aber nicht. Sie sind, wie alles in Scorn, erloschen. Ich will eigentlich überhaupt nichts mehr sagen, bloß irgendwo sitzen, vl. mit einem Bildschirm oder einem Buch und die Klappe halten. Ich frage mich, was passieren würde, wenn ich meine Augentropfen blutrot färben würde. Auf Reddit schreibt jemand, I wish I could live in Scorn, und ich frage mich, was das für ein Dasein wäre. I think I’ll play it again and again and again until all my dreams are indistinguishable from the game. Does anyone else feel this? Scorn spoke to me on a level that words can’t. Ich scrolle durch das Scorn-Artbook, blättere durch meinen Bildband von Giger, ich lese über den Dybbuk (im Roman von Romain Gary) und spiele Scorn, aber einmal Durchspielen reicht mir. Ich will mich übergeben. Mir ist alles peinlich. Stell dir vor, du rufst random in die Runde, dass du Verachtung willst. Scorn! Verachtung! Du gehst dann in deiner Scornzeit durch die Scornwelt, überall Tote oder Gespenster (j. schreibt über gespenster) oder überall ein Gespenst, oder ein Dybbuk. Hör mir zu, wie ich dir Scorn erkläre: Du weißt nicht mehr, was der Unterschied zwischen Verachtung und deinem Leben ist, du gehst durch vernebelte Räume, in denen alles außer den logischen Ausdrucksformen zerfällt, und da ist kein Dybbuk, der dir anhaftet, sich in deinen Körper gräbt, der Dybbuk ist nicht im Raum anwesend, und wenn du den Raum verlässt, ist er auch nicht da, er ist ständig nicht da und du scheiterst dabei, dich vom Dybbuk zu befreien, weil alles, was du kannst, ist Logik, aber damit kommst du höchstens bis ans Ende einer Leiter, und spätestens dort überwuchert der Dybbuk dich nicht und du erstickst. Du kniest dich vor mir auf den Boden hin, verschränkst die Arme hinter deinem Rücken und sagst, dass du das nicht verstehst, was meine ich mit Dybbuk, sei das jetzt da oder nicht da, und ich, vor dir wie der Text am Bildschirm, erkläre, dass du in Scorn selbst den Dybbuk spielst.

Zu /texte.