Requiem for a Pool

August 2024

Ein Schwall von Ratten bricht aus dem Boden hervor und ergießt sich durch die engen Gassen. Ich laufe davon, laufe nach unten, klettere über Zäune und springe über Mauern, ich will mich nicht von den Ratten davonreißen lassen. Die Burg an der höchsten Stelle der Stadt stürzt ein (ich war gerade noch dort), ich laufe über Hausdächer, höre die Schreie der Leute, die von den Rattenmassen verschluckt werden.

Call It Heaven (1916/1918/2026) von Gertrude Stein:

Do not dispute me.
Oh no.
Do you call it heaven.

„ich weiß, was ein Requiem ist, das weiß jeder Mensch: Ein Requiem kommt nach dem Tod.“—Aber warum trägt der Film Requiem for a Dream diesen Titel? „In düsteren Farben und mit teils innovativen Techniken wird in dem visuell verstörenden Film der Niedergang von vier Drogensüchtigen erzählt“, steht auf Wikipedia, und nicht auf Wikipedia steht, warum im Filmtitel Requiem steht, wenn der Film doch vom „Niedergang von vier Drogensüchtigen“ erzählt, und kein Requiem für oder auf die niedergegangenen Hoffnungen („Träume“) der Drogensüchtigen zeigt, sondern den Niedergang selbst. Abgesang würde vielleicht passen.

Ich verstehe immer weniger, wie man das Wort Requiem verwendet.

So you think you can tell heaven from hell?

Mein Himmel ist mein Text.

Ein Pool ist eine Form.

Kapitel 16 King Hugo von A Plague Tale: Requiem ist schön konzipiert. Take a deep breath, sage ich zu Lucas, und gleite in die Tiefe. Das ganze Spiel hindurch folgt man diesen dummen Vogelstatuen und es führt zu gar nichts, die Vogelstatuen führen zu einem Weg mit Vogelstatuen und das ist die einzige Orientierung, dass du von einer Statue zur nächsten kommst, alles andere liegt im Nebel. Ich wache auf, Lucas ist weg, my head ... spinning (of course). Ich bin auf einer Suche, und ich suche nach Hugo. Alles, was finde, sind Vogelstatuen.

Man muss sich entscheiden.
Man braucht ein Ziel im Leben.
Karl Popper: The Aim of Science.

So you think you can tell heaven from a pool?

Backrooms Level Wartezimmer: Zeitschriftenstapel, alle Sessel stehen an der Wand und observieren den Rauminhalt (leer), Infoposter, dauergrüne Topfpflanzen, flackerndes Licht, du findest Malbücher, in denen die Bilder bereits ausgemalt sind, aber schlecht ausgemalt, Bilderrahmen mit Fotodrucken, darauf ein Text, ein Pool, Asphaltstraßen, eine Gestalt mit Wanderstock

Das Kapitel Die größere Hoffnung im Roman Die größere Hoffnung von Ilse Aichinger beginnt damit, dass Ellen einem sterbenden Pferd zuschreit, dass es nicht aufgeben darf.

Im Juli gehe ich erstmals in den See schwimmen; das Wasser ist überhaupt nicht mehr kühl, aber es ist nass und mein vom Radfahren verschwitzter Körper wird vom Wasser umspült; passende Adjektive: sanft, weich, zart. Ich schwimme in den See hinaus, drehe mich auf den Rücken und lasse mich treiben. Mit dem Kopf tauche ich ein wenig unter, sodass meine Ohren unter Wasser sind. Die Welt wird ruhig. Ich schließe die Augen.

Woraus ich Kraft schöpfe, fragt mich der Pool, und ohne Zögern antworte ich mit „Aus mir selbst“. Vielleicht ist das eine cartesische Antwort. Ich existiere. Ego existo. Kann ein Pool überhaupt sprechen? Ich lese nach der zweiten Meditation nicht weiter. „Nach mir kommt nichts mehr (leer).“ Höre ich am Rücken im See treibend das Blubbern der Fische? Ich möchte mich nicht in den Sand grundeln. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht.

Ich öffne die Augen wieder und drehe mich auf den Bauch. Ich höre sofort den Lärm der Boote und werde von der Sonne geblendet. Ich bin desorientiert und mir ist schwindlig. Der See hat kaum etwas mit einem Pool gemeinsam. Ich sehe Enten (echte, nicht aus Gummi), die straffen und schlaffen Körper anderer Bademenschen. Ich drücke auf den Anzeigeknopf meiner Pulsuhr, das Display zeigt 121 an.

Kannst du einen Pool vom Text unterscheiden?

Can you tell a green field from a cold steel rail?

Lyrically, the song is often considered to be a direct tribute to Syd Barrett. However, on the documentary The Story of Wish You Were Here, Gilmour and Waters separately describe the original concept that differs from this interpretation. Waters, who mainly wrote the lyrics complementing Gilmour’s initial riff idea and subsequent joint composition, describes the lyrics as being directed at himself, as his lyrics often are. Being present in one’s own life and freeing one’s self in order to truly experience life is a main topic in this song. Gilmour, on the other hand, recognises that he never performs the song without remembering Syd Barrett. Waters later adds that the song is nevertheless open to interpretation. (Wikipedia)

Im Mai erscheint das Talking-Heads-Tribute-Album Everyone’s Getting Involved: A Tribute to Talking Heads’ Stop Making Sense, und ich mag solche Tribute-Alben manchmal, und ich mag die Talking Heads und ich mag das erste Lied auf dem Tributes-Album, ein Cover von Psycho Killer von Miley Cyrus, die ich auch mag, und Miley Cyrus singt das Lied großartig und sie ändert den Text, du kannst mitsingen:

I love you, psycho killer
Gonna love you forever
You know I’ll never run away

Es gibt auf Utube auch eine Cover-Version von Wish You Were Here von Miley Cyrus. Type this in your browser: miley cyrus, i wish you were here

Wohin kippt der Himmel?

Aus manchen Einzelworten lässt sich eine Geschichte schöpfen, die endlos erscheint, wie ein Brunnen, von dem man nicht weiß, wie tief sein Schacht ist. Heiner Müller sagt im Jahr 1990 in einem Gespräch (DAS THEATER FINDET AUF DER STRASSE STATT), „Das Wort Sozialismus ist diskreditiert für mindestens 50 Jahre“, und ich denke nicht, dass er damit recht hat, aber Heiner Müller war „nach eigener Aussage“ in der Hitlerjugend und im Volkssturm und hat damals vielleicht oder vielleicht auch nicht ein Hühnergesicht umgebracht. Ein Jahr früher, 1989, hat Müller gesagt: „Die Gegenwart gehört dem Kapitalismus. Aber ohne Sozialisten keine wird es keine Zukunft geben“ („Ohne Sozialisten keine Zukunft“).

Und wenn du in den Schacht eines Brunnens stürzt und glaubst, dort unten den Himmel zu sehen, den Himmel, dann fällst du noch tiefer.

Man wendet sich an Ratgeberliteratur, The New York Times Bestseller, und darin steht:

We cannot deeply love anything without becoming vulnerable to loss. And we cannot become separate people, responsible people, connected people, reflective people without some losing and leaving and letting go.
Ich lese das nicht im echten New York Times Bestseller, sondern online und darunter

ein Bild mit einer Gestalt mit Wanderstock vor einer bis zum Horizont reichenden, kaputten Autobahn und einem in die Ferne gerichteten Blick. Bildbeschreibung. Zwischen der Gestalt und dem Horizont steht eine zweite Gestalt

und darunter das Wort „spiritual“

und darunter

„Indeed, if in front of a thirsty person there are two glasses of water that are similar in every respect in relation to his purpose [of wanting to drink], it would be impossible for him to take either.“ (Al-Ghazālī, The Incoherence of the Philosophers = Tahāfut al-Falāsifa = تهافت الفلاسفة)

Heiner Müller, Hühnergesicht, „Ich erstach ihn mit dem Seitengewehr, das er aus den Tiefen seines Militärmantels geklaubt hatte, um sein letztes Büchsenfleisch mit mir zu teilen, ich aß zuerst, damit ich seinen Speichel nicht mitessen mußte, stieß das Bajonett zwischen seine spitzen Schulterblätter, bevor er an der Reihe war, sah ohne Bedauern sein Blut auf dem Gras glänzen. Das war an einem Bahndamm, nachdem ich ihn getreten hatte, damit er einen anderen Weg ging.“ (TODESANZEIGE)

Can you tell a smile from a veil? Do you think you can tell?

In The Beginner’s Guide findet man am Ende eines Levels einen Laternenmast und dir wird erklärt, warum der Programmierer das Ende eines Levels mit einem Laternenmast markiert: „He wants a reference point, he wants the work to be leading to something. He wants a destination! Which is what this lamppost is, it’s a destination.“

How I wish, how I wish you were here.

„,Hühnergesicht‘ aus der TODESANZEIGE ist keine Fiktion.“ (Heiner Müller, KRIEG OHNE SCHLACHT)

Mir ist eine Brücke, die über das Wasser führt, lieber als zum Beispiel eine Laterne, und wenn ich laufe, zum Beispiel, dann beginne und ende ich an einer Brücke, „you always end up at the same starting point“, aber bei den ersten paar Mal Laufen, kurz vor dem Ende, als ich die Brücke sah, und ich kurz, nur ganz kurz, dachte, dass ich es nur mehr bis zur Brücke schaffen müsse, hatte ich aufgehört zu laufen: Ich habe einige Meter vor der Brücke aufgehört, einmal vielleicht vier oder fünf Schritte davor. Bis zum Ende ist für mich sinnlos. Wozu? Ich sehe das Ende, ich kenne das Ende, ich kann also auch aufhören, ohne die Tortur erfolgreich zu beenden, ich kann die Tortur aufgeben, ich gebe die Tortur auf.

Ich dachte, dass der sterbende Leonardo DiCaprio „I will never let you go“ zu seiner Kate Winslet sagt, als Ankündigung oder Versprechen, dass er sie für immer haunten werde. „What am I doing here in the middle of the ocean, alone in a boat surrounded by frozen corpses?“ Aber es ist anders: Sie, Kate Winslet, Rose, sagt das zu ihrem toten Jack als er nach unten ins Meer sinkt: I’ll never let go. I promise.

„we tend to value, and even idealize, the idea of seeing things through, of finishing things rather than abandoning them. Giving up has to be justified in a way that completion does not“, schreibt Adam Phillips in On Giving Up, und ich korrigiere das zu: we tend to value, and even idealize, the idea of seeing things through, of carrying on with them rather than abandoning them.

Später dann laufe ich von der Brücke los und wieder zurück bis zur Brücke. Die Pulsuhr zeigt an, dass ich mich jenseits von 170 Schläge pro Minute bewege.

Adam Phillips schreibt in On Giving Up auch über Franz Kafka, „There is hope but not for us“.

Ich kenne diesen Satz, aber weiß nicht, wo ihn Kafka geschrieben hat, und von Google kommend und nach Google gehend frage ich bei Google und finde klebeheld.at, Wandtattoo Es gibt unendlich viel Hoffnung... Franz Kafka, es ist unglaublich:

„Wandtattoo“ mit dem Text „Es gibt unendlich viel Hoffnung in der Welt … aber nicht für uns.“

Die Phönixstatuen: They showed the way. Was mich, Amicia, betrifft, ich laufe, sprinte, soundsoviele Kilometer in soundsovielen Minuten. Die Phönixstatuen werden immer größer, immer bedeutsamer. Alles verschwimmt in dieser Nebelwelt ohne bestehende Ordnung und es gelingt mir nicht, den Himmel von einem Pool zu unterscheiden. „Der Himmel hat die Farbe von Urin.“ Am I losing my mind?

Die bedeutsamen Phönixstatuen: Did you put them here, Hugo?, frage ich murmelnd, und erhalte eine Antwort, von Hugo, der zu mir aus dem Nichts heraus spricht: No … you did.

Riesige Rattengestalten zermalmen mich.

Noch später stürze ich beim Laufen auf den Boden, weil ich kurz vor der Brücke über eine Wurzel stolpere, verletze mich am Fuß, und der Arzt sagt, dass ich meinen Fuß nicht belasten soll.

Du läufst durch zu viele Straßenbahnwagons, bis dein mind ganz fractured ist, und nach dem Straßenbahnwagon kommt noch ein Straßenbahnwagon, you always end up at the same starting point, Foxtrott im Straßenbahnwagon und Foxtrott im Straßenbahnwagon und was dich quält, und das die einzige passende Antwort: es ist die Erwartung, die Straßenbahnwagons verlassen zu können, beim nächsten Mal die Straßenbahnwagons verlassen, beim nächsten Mal bestimmt, dann wird der Straßenbahnwagon nicht mehr zu dem nächsten selben Wagon führen, sondern in einem Ausweg münden. Hugo ist verzweifelt, it hurts to see you fight like that, sagt er, keine Ahnung, ob noch oder nicht mehr am Leben, aber ich bleibe nicht stehen, ich laufe weiter, tanze Foxtrott, immer schneller.

Was mich quält—es ist die Hoffnung.

Hugo sagt es auch wörtlich: It’s your hope

[that you can still fix things the way you did]

Nein, ich weiß nicht, was der Unterschied zwischen dem Himmel und einem Text ist, ich kann einen Pool nicht vom Himmel unterscheiden, ich weiß nicht, wie sich ein Text von einem Pool unterscheidet, ich weiß das alles nicht, weil die Dinge sind nicht fest, sie sind flüssig, und wenn du sagst, das sei ein Himmel, dann sage ich, das kann auch ein Brunnen oder eine Metapher oder ein Dybbuk oder sonstwas sein, was weiß ich, ich gebe auf, I tried, aber I gave up.

Nine Inch Nails / Le Butcherettes:

so many matters of the mind
so little matters in my heart
you used to blame me all the time
eventually, we fell apart
give up, just give up [...]
perfect little dream, the kind that hurts the most
forgot how it feels, well almost
no one to blame, always the same
open my eyes, wake up, wake up, wake up in flames
[...] I tried, I gave up

the only way to make it right
remains a question in my life
so many matters take up time
so little matters in this life
[...] I tried, I gave up
I tried, I gave up, give up, just give up, I tried, I gave up, give up, just give up, give up, just give up, throw it away, throw it away, I tried, I gave up, give up, just give up, give up, just give up, throw it away, I tried, I gave up, throw it away, I tried, I gave up, I tried, I gave up, throw it away, give up, just give up

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