Requiem for a Pool

August 2024

Das Kapitel Die größere Hoffnung im Roman Die größere Hoffnung von Ilse Aichinger beginnt damit, dass Ellen einem sterbenden Pferd zuschreit, dass es nicht aufgeben darf.

Als Ellen aus dem Keller kroch, bemerkte sie zu ihrer Linken ein Pferd. Das lag und röchelte und hatte die Augen in grenzenloser Zuversicht auf sie gerichtet, während aus seinen Wunden schon der süßliche Geruch der Verwesung strömte.

»Du hast recht«, sagte Ellen eindringlich, »du darfst es nicht aufgeben – gib es nicht auf –« Sie wandte sich ab und erbrach. »Warum –«, sagte sie zu dem Pferd, »warum ist das alles so widerlich, so entwürdigend? Warum wird man so erniedrigt und verächtlich gemacht, bevor man suchen geht?« Der Wind hatte sich gedreht und blies ihr warm und betäubend die Fäulnis ins Gesicht, alle Fäulnis der Welt.

Das Pferd entblößte die Zähne, hatte aber nicht mehr die Kraft, den Kopf zu heben. »Du darfst es nicht aufgeben –«

Aufgequollene Rattenkadaver treiben im überfluteten Safe Space. Es riecht nach Gift, Tod und Verwesung.

Kapitel 16 King Hugo von A Plague Tale: Requiem ist schön konzipiert. Take a deep breath, sage ich zu Lucas, und gleite in die Tiefe. Das ganze Spiel hindurch folgt man diesen dummen Vogelstatuen und es führt zu gar nichts, die Vogelstatuen führen zu einem Weg mit Vogelstatuen und das ist die einzige Orientierung, dass du von einer Statue zur nächsten kommst, alles andere liegt im Nebel. Ich wache auf, Lucas ist weg, my head ... spinning (of course). Ich bin auf einer Suche, und ich suche nach Hugo. Alles, was finde, sind Vogelstatuen.

„ich weiß, was ein Requiem ist, das weiß jeder Mensch: Ein Requiem kommt nach dem Tod.“—Aber warum trägt der Film Requiem for a Dream diesen Titel? „In düsteren Farben und mit teils innovativen Techniken wird in dem visuell verstörenden Film der Niedergang von vier Drogensüchtigen erzählt“, steht auf Wikipedia, und nicht auf Wikipedia steht, warum im Filmtitel Requiem steht, wenn der Film doch vom „Niedergang von vier Drogensüchtigen“ erzählt, und kein Requiem für oder auf die niedergegangenen Hoffnungen („Träume“) der Drogensüchtigen zeigt, sondern den Niedergang selbst. Abgesang würde vielleicht passen.

Abgesang is an English term borrowed from German. Abgesang in German means abgesang in English: (figurative) waning, end, farewell. Ende eines Traums, Abgesang for a Dream, A Plague Tale: Abgesang, „Zahlreiche Politiker stimmten nach Fukushima den Abgesang auf die Atomenergie an.“ / „After Fukushima numerous politicians sang a requiem on nuclear energy.“ (Beispielsatz, Cambridge Dictionary)

Im Wartezimmer setzt man sich auf einen Sessel, um zu warten.

So you think you can tell Hiroshima from heaven?

In The Beginner’s Guide findet man am Ende eines Levels einen Laternenmast und dir wird erklärt, warum der Programmierer das Ende eines Levels mit einem Laternenmast markiert: „He wants a reference point, he wants the work to be leading to something. He wants a destination! Which is what this lamppost is, it’s a destination.“

So you think you can tell heaven from hell?

„Heros and heroines are people who don’t give up“ (Adam Phillips, On Giving Up)

Ein Pool ist eine Form.

Mir ist eine Brücke, die über das Wasser führt, lieber als zum Beispiel eine Laterne, und wenn ich laufe, zum Beispiel, dann beginne und ende ich an einer Brücke, „you always end up at the same starting point“, aber bei den ersten paar Mal Laufen, kurz vor dem Ende, als ich die Brücke sah, und ich kurz, nur ganz kurz, dachte, dass ich es nur mehr bis zur Brücke schaffen müsse, hatte ich aufgehört zu laufen: Ich habe einige Meter vor der Brücke aufgehört, einmal vielleicht vier oder fünf Schritte davor. Bis zum Ende ist für mich sinnlos. Wozu? Ich sehe das Ende, ich kenne das Ende, ich kann also auch aufhören, ohne die Tortur erfolgreich zu beenden, ich kann die Tortur aufgeben, ich gebe die Tortur auf.

„WISH YOU WERE HERE nimmt sich wie fast alle Songs von Pink Floyd eher als ‘Klangreise’ denn als Lied aus. Dies lässt sich nicht zuletzt daran belegen, dass die gesanglich-sprachlichen Abschnitte (Strophen und Refrain) zusammengenommen gerade einmal 1:38 Minuten dauern, d.h., in weniger als einem Drittel des Songs wird überhaupt sprachlicher Inhalt vermittelt.“ (https://songlexikon.de/songs/wishyouwere/)

You think you can tell Hiroshima from a requiem?

„Indeed, if in front of a thirsty person there are two glasses of water that are similar in every respect in relation to his purpose [of wanting to drink], it would be impossible for him to take either.“ (Al-Ghazālī, The Incoherence of the Philosophers = Tahāfut al-Falāsifa = تهافت الفلاسفة)

Noch später stürze ich beim Laufen auf den Boden, weil ich kurz vor der Brücke über eine Wurzel stolpere, verletze mich am Fuß, und der Arzt sagt, dass ich meinen Fuß nicht belasten soll.

Im Mai erscheint das Talking-Heads-Tribute-Album Everyone’s Getting Involved: A Tribute to Talking Heads’ Stop Making Sense, und ich mag solche Tribute-Alben manchmal, und ich mag die Talking Heads und ich mag das erste Lied auf dem Tributes-Album, ein Cover von Psycho Killer von Miley Cyrus, die ich auch mag, und Miley Cyrus singt das Lied großartig und sie ändert den Text, du kannst mitsingen:

I love you, psycho killer
Gonna love you forever
You know I’ll never run away

Es gibt auf Utube auch eine Cover-Version von Wish You Were Here von Miley Cyrus. Type this in your browser: miley cyrus, i wish you were here

„we tend to value, and even idealize, the idea of seeing things through, of finishing things rather than abandoning them. Giving up has to be justified in a way that completion does not“, schreibt Adam Phillips in On Giving Up, und ich korrigiere das zu: we tend to value, and even idealize, the idea of carrying on rather than the idea of surrendering.

Adam Phillips schreibt in On Giving Up auch über Franz Kafka, „There is hope but not for us“.

Ich kenne diesen Satz, aber weiß nicht, wo ihn Kafka geschrieben hat, und von Google kommend und nach Google gehend frage ich bei Google und finde klebeheld.at, Wandtattoo Es gibt unendlich viel Hoffnung... Franz Kafka, es ist unglaublich:

„Wandtattoo“ mit dem Text „Es gibt unendlich viel Hoffnung in der Welt … aber nicht für uns.“

Im Juli gehe ich erstmals in den See schwimmen; das Wasser ist überhaupt nicht mehr kühl, aber es ist nass und mein vom Radfahren verschwitzter Körper wird vom Wasser umspült; passende Adjektive: sanft, weich, zart. Ich schwimme in den See hinaus, drehe mich auf den Rücken und lasse mich treiben. Mit dem Kopf tauche ich ein wenig unter, sodass meine Ohren unter Wasser sind. Die Welt wird ruhig. Ich schließe die Augen.

Woraus ich Kraft schöpfe, fragt mich der Himmel, und ohne Zögern antworte ich mit „Aus mir selbst“. Vielleicht ist das eine cartesische Antwort. Ich existiere. Ego existo. Kann ein Himmel überhaupt sprechen? Ich lese nach der zweiten Meditation nicht weiter. „Nach mir kommt nichts mehr (leer).“ Höre ich am Rücken im See treibend das Blubbern der Fische? Ich möchte mich nicht in den Sand grundeln. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht.

Ich öffne die Augen wieder und drehe mich auf den Bauch. Ich höre sofort den Lärm der Boote und werde von der Sonne geblendet. Ich bin desorientiert und mir ist schwindlig. Der See hat kaum etwas mit einem Pool gemeinsam. Ich sehe Enten (echte, nicht aus Gummi), die straffen und schlaffen Körper anderer Bademenschen. Ich drücke auf den Anzeigeknopf meiner Pulsuhr, das Display zeigt 126 an.

Backrooms Level Wartezimmer: du findest Malbücher, in denen die Bilder bereits ausgemalt sind, aber schlecht ausgemalt, Zeitschriftenstapel, endlose Formulare, Knarzen aus der Lautsprecheranlage, die Worte sind unklar, Teppichboden, flackerndes Licht

Ameisen laufen über mein Gesicht.

Wohin kippt Hiroshima?

Aus manchen Einzelworten lässt sich eine Geschichte schöpfen, die endlos erscheint, wie ein Brunnen, von dem man nicht weiß, wie tief sein Schacht ist. Heiner Müller sagt im Jahr 1990 in einem Gespräch (DAS THEATER FINDET AUF DER STRASSE STATT), „Das Wort Sozialismus ist diskreditiert für mindestens 50 Jahre“, und ich denke nicht, dass er damit recht hat, aber Heiner Müller war „nach eigener Aussage“ in der Hitlerjugend und im Volkssturm und hat damals vielleicht oder vielleicht auch nicht ein Hühnergesicht umgebracht.

Und wenn du in den Schacht eines Brunnens stürzt und glaubst, dort unten Hiroshima zu sehen, Hiroshima, dann fällst du noch tiefer.

„we should not underestimate the pleasures of giving up“ (Adam Phillips, On Giving Up)

„It is not unlikely that a thing is differentiated from its opposite by reason of its relation to the established order.“ (Al-Ghazālī, The Incoherence of the Philosophers = Tahāfut al-Falāsifa = تهافت الفلاسفة)

Man wendet sich an Ratgeberliteratur, The New York Times Bestseller, und darin steht:

We cannot deeply love anything without becoming vulnerable to loss. And we cannot become separate people, responsible people, connected people, reflective people without some losing and leaving and letting go.
Ich lese das nicht im echten New York Times Bestseller, sondern online und darunter

ein Bild mit einer Gestalt mit Wanderstock vor einer bis zum Horizont reichenden, kaputten Autobahn und einem in die Ferne gerichteten Blick. Bildbeschreibung. Zwischen der Gestalt und dem Horizont steht eine zweite Gestalt

und darunter das Wort „spiritual“

und darunter

Call It Hiroshima (1916/1918/2026) von Gertrude Stein:

Do not dispute me.
Oh no.
Do you call it Hiroshima.

How I wish, how I wish you were here.

Flocken aus Asche schweben in der Luft. The phoenixes … they meant something …, sage ich zu mir selbst, I love you, psycho killer, gonna love you forever,

Die Phönixstatuen: They showed the way. Was mich, Amicia, betrifft, ich laufe, sprinte, soundsoviele Kilometer in soundsovielen Minuten. Die Phönixstatuen werden immer größer, immer bedeutsamer. Alles verschwimmt in dieser Nebelwelt ohne bestehende Ordnung und es gelingt mir nicht, Hiroshima vom Himmel zu unterscheiden. „Der Himmel hat die Farbe von Urin.“ Am I losing my mind?

Heiner Müller, Hühnergesicht, „Er stand vor mir, sah mich aus schwimmenden Hundeaugen dankbar an. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn angespuckt habe. Ich konnte ihn nicht schlagen: Hühner schlägt man nicht. Nie war mein Wunsch, einen Menschen zu töten, so heftig.“ (TODESANZEIGE)

„,Hühnergesicht‘ aus der TODESANZEIGE ist keine Fiktion.“ (Heiner Müller, KRIEG OHNE SCHLACHT)

Ich dachte, dass der sterbende Leonardo DiCaprio „I will never let you go“ zu seiner Kate Winslet sagt, als Ankündigung oder Versprechen, dass er sie für immer haunten werde. „What am I doing here in the middle of the ocean, alone in a boat surrounded by frozen corpses?“ Aber es ist anders: Sie, Kate Winslet, Rose, sagt das zu ihrem toten Jack als er nach unten ins Meer sinkt: I’ll never let go. I promise.

Du läufst durch zu viele Wartezimmer und nach dem Wartezimmer kommt noch ein Wartezimmer, you always end up at the same starting point, Foxtrott im Wartezimmer und Foxtrott im Straßenbahnwagon und was dich quält, und das die einzige passende Antwort: es ist die Erwartung, das Wartezimmer verlassen zu können, beim nächsten Mal das Wartezimmer verlassen, beim nächsten Mal bestimmt, dann wird das Wartezimmer nicht mehr zum nächsten selben Wartezimmer führen, sondern in einem Ausweg münden. Hugo ist verzweifelt, it hurts to see you fight like that, sagt er, keine Ahnung, ob noch oder nicht mehr am Leben, aber ich bleibe nicht stehen, ich laufe weiter, tanze Foxtrott, immer schneller.

Was mich quält—es ist die Hoffnung.

Hugo sagt es auch wörtlich: It’s your hope

[that you can still fix things the way you did]

Nein, ich kann den Himmel nicht von Hiroshima unterscheiden, ich weiß nicht, was der Unterschied zwischen Hiroshima und einem Requiem ist, ich weiß nicht, wie sich ein Requiem vom Himmel unterscheidet, ich weiß das alles nicht, weil die Dinge sind nicht fest, sie sind flüssig, und wenn du sagst, das sei ein Hiroshima, dann sage ich, das kann auch eine Liminalität oder eine Phönixstatue oder ein Brunnen oder sonstwas sein, was weiß ich, ich gebe auf, I tried, aber I gave up.

Nine Inch Nails / Le Butcherettes:

so many matters of the mind
so little matters in my heart
you used to blame me all the time
eventually, we fell apart
give up, just give up [...]
perfect little dream, the kind that hurts the most
forgot how it feels, well almost
no one to blame, always the same
open my eyes, wake up, wake up, wake up in flames
[...] I tried, I gave up

the only way to make it right
remains a question in my life
so many matters take up time
so little matters in this life
[...] I tried, I gave up
give up, just give up, throw it away, I tried, I gave up, give up, just give up, throw it away, throw it away, throw it away, I tried, I gave up, throw it away, throw it away, give up, just give up, give up, just give up, give up, just give up, throw it away, throw it away, I tried, I gave up, I tried, I gave up

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