Stalker im Käfig

9.9.2025

Kennst du den Guillotinenstalker?

Auf Utube klicke ich Videos über Updates in der Zone an, aber ich spiele S.T.A.L.K.E.R. 2 nicht mehr. Gehört jemand noch dazu, wenn es keine Gruppe, keinen Kreis, kein Gefängnis mehr gibt? Bin ich noch Mitglied? Eine Frage des Guillotinenstalkers lautet: Kann man im Gefängnis über das Gefängnis urteilen?

Über das Gefängnis zu schreiben, bringt mich zurück in das Gefängnis. Romtschik Magnet und Wasil Stein sitzen beim Lagerfeuer und reden über den Guillotinenstalker. Sie hören, wie ich vorbeigehe, und rufen mir zu, „we’re your friends, we’re not like the others, man, really“. Sie fordern mich auf, mich zu ihnen ans Lagerfeuer dazuzusetzen und mir ein paar Geschichten über den Guillotinenstalker anzuhören. Vielleicht setze ich mich dazu, vielleicht werde ich am Lagerfeuer in Gesellschaft von Magnet und Stein endlich verstehen, was es mit dem Guillotinenstalker auf sich hat. Was bedeuten seine Worte? Ich starre in das Feuer.

Ich kenne inzwischen alle Enden von S.T.A.L.K.E.R. 2 und ich kenne die Übersicht der Steam-Achievements auf trueachievements.com, Stand April 2025:

She will never be free (Strelok): 4%
Project Y (Kaimanov): 3%
Brave new world (Korshunov): 4%
Today never ends (Scar): 1%

Viele tun, was Strelok sagt, und wenige folgen Scar. Ich bin nicht überrascht, dass es so ist. Ich erinnere mich, ich redete, beim Essen, ICH WAR strelok ICH STAND im gefängnis UND REDETE MIT DEn anomalien BLABLA IM RÜCKEN DIE RUINEN VON EUROPA (Heiner Müller: Hamletmaschine). Ich erinnere mich daran, kein gutes und dann noch einmal kein gutes Ende erreicht zu haben. Ich habe es nicht gut gemacht, aber wie hätte ich es besser machen können?

Stein erzählt, was er vom Guillotinenstalker gelesen hat: „Life is for the Living“. Stein fragt, ob das Leben wirklich den Lebenden gehört.

Today never ends: Am Ende blühen die Mohnblumen. Jemand schlägt seinen Stalker-Umhang um mich und sagt, „Reality … is whatever you think is real.“ Ich werde schläfrig. „Waved in the air, the red covers made the square resemble a field ablaze with butterflies“ (Ross Terrill: Mao – A Biography). Mit der Aussage Reality is whatever you think is real kann ich etwas anfangen, aber mich verstört die Vorstellung, beim Lagerfeuer never-ending Dad-Jokes anhören zu müssen. Qu’est-ce que la réalité ? Ernst von Glasersfeld schreibt, Realität sei „in der konstruktivistischen Perspektive eine Fiktion und zudem eine gefährliche, denn sie wird von Rednern und Autoren zumeist dazu benützt, dem, was sie behaupten, den Anschein absoluter Gültigkeit zu verleihen“ (Ernst von Glasersfeld: Fiktion und Realität aus der Perspektive des radikalen Konstruktivismus). Today never ends zeigt die Welt auch als Realität. Stein sagt, wir seien die Screen Junkies, Magnet sagt, Zombies, Magnet sagt, Smombies und Magnet und Stein lallen zusammen, naja naja Doitschland Millenial des Jahres. Ich lese ein Posting des Guillotinenstalkers: Eternal spring, absolute Gültigkeit.

Haben die verschiedenen Enden, zumindest drei der vier, etwas gemeinsam? Geht es in allen Enden nicht irgendwie darum, dass ich vor dem Bildschirm mehr weiß als ich im Bildschirm? Mir vor dem Bildschirm wird die Realität mit dem Anschein absoluter Gültigkeit gezeigt, und darin sehe ich mich, Skif, im Bildschirm, wie ich getäuscht oder eingesperrt werde? Mir im Bildschirm bleibt etwas verweht, das mir vor dem Bildschirm gezeigt wird.

Der Guillotinenstalker schreibt, dass er in im Gefängnis erwachsen geworden sei.

Ich lese Die Wand von Marlen Haushofer und bin begeistert vom Text. Im Tonfall von TikTok: die frau lebt in einer jagdhütte muss lernen mit tieren einer katze einem hund und einer kuh zu überleben und sich alles selbst zu organisieren. Ich würde verhungern, weil ich wirklich keine Ahnung von etwas außerhalb des Bildschirms und des Texts habe, und ich bewundere die Frau in ihrem Gefängnis, wie sie dort mit der Katze und den Tieren lebt und arbeitet und erntet und beobachtet und aufschreibt. Mir gefällt es, dass so lange so wenig (so viel) passiert. „Ich saß ganz still in der Sonne und sah den Faltern zu, und ich glaubte eine Zeitlang dachte ich wirklich gar nichts“ (Marlen Haushofer: Die Wand).

S.T.A.L.K.E.R. 2 ist ein Spiel darüber, welcher Richtung man folgt. Bis an das Ende zu gehen, bedeutet, die Frage zu beantworten, wem man sich anschließt. Ich schließe mich, wie die meisten anderen auch, der Figur an, die die Zone zu einem Gefängnis macht. „Kann ich mich in der Zone selbst erkennen?“ In einem Gefängnis ist man nicht frei, man ist dort eingesperrt – gegen den eigenen Willen. Aus einem Gefängnis will man heraus. Man verzweifelt in einem Gefängnis. Marlen Haushofer schreibt in Die Wand: „Es soll Gefangene gegeben haben, die Ratten, Spinnen und Fliegen zähmten und anfingen, sie zu lieben. Ich glaube, sie verhielten sich ihrer Lage angemessen. Die Schranken zwischen Tier und Mensch fallen sehr leicht. Wir sind von einer einzigen großen Familie, und wenn wir einsam und unglücklich sind, nehmen wir auch die Freundschaft unserer entfernten Vettern gern entgegen. Sie leiden wie ich, wenn ihnen ein Schmerz zugefügt wird, und wie ich brauchen sie Nahrung, Wärme und ein bißchen Zärtlichkeit.“

Ich brauche „ein bißchen Zärtlichkeit“, schreibt Haushofer, so wie die Ratten und Spinnen und Fliegen und Stalker – und: ich auch? Ist das überhaupt so, mit der behaupteten Freundschaft zu den entfernten Vettern? Eine Motte könnte ihr gesamtes Leben in einem alten Schokoladenikolaus verbringen: Das kleine Mottenwürmchen windet sich heimlich durch die Aluminiumfolie, knabbert einen Weg durch die Schokolade und verpuppt sich im dunklen Hohlraum; dort schlüpft die Motte und findet aus dem dunklen Gefängnis aus Schokolade nicht mehr heraus. Sie verbringt ihr Mottenleben im Inneren des Schokoladenikolaus und stirbt. Ich erinnere mich an Werner Kofler, an In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor, und denke, dass das Ende doch nicht so schlecht ist. In ihrem Schokoladenikolausgefängnis war die Motte ihr eigener Direktor. Hat ihr das geholfen? Was ist das für eine Analogie?

Ich weiß nicht, ob ich aus dem Gefängnis heraus möchte. Was befindet sich außerhalb des Gefängnisses? Er kenne das Gefängnis, schreibt der Guillotinenstalker, und er wisse, was sich hinter der Grenze des Gefängnisses befinde, was mir im Gefängnis verborgen bleibe. „Es war besser, nicht an die Wand zu denken“ (Marlen Haushofer: Die Wand). Ich glaube nicht an eine Welt hinter der Welt, und ich will auch nicht aus der Welt heraus, ich möchte in die Welt hinein. „Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat.“ (Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen)

Ein „bißchen Zärtlichkeit“, die Freundschaft der entfernten Vettern: Ein Lagerfeuer wärmt und beim Lagerfeuer kann es zwischen den Stalkern, „Wir sind deine Freunde, wir sind nicht wie die anderen, Mann, ehrlich“, auch Zärtlichkeit geben. Man muss sich zusammenschließen, mit den anderen, beim Lagerfeuer, im Feuer. „Die Wandervogel-Bewegung hatte besonders Jugendliche dazu ermutigt, [...] am Lagerfeuer Volkslieder zu singen, den Sternenhimmel über sich zu sehen und sich vielleicht sogar auf andere Weise nahezukommen.“ (Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre, 1918–1938)

Ich will immer noch in Rostok mit Kyrya Lebenslänglicher schlafen. Ob das im nächsten Patch möglich sein wird? Wird jemand dafür einen Mod schreiben?

Ein neuer DLC für das Gefängnis wird angekündigt.

Soll der Stalker am Lagerfeuer einen Treueschwur oder was auf den Guillotinenstalker leisten? Passt das zum Stalker? Muss sich ein Stalker anschließen? Ist das ein konzeptuelles Problem? Als ich zum Rammsteinkonzert gehe, tragen Hunderte Leute vor mir T-Shirts mit dem Spruch MANCHE FÜHREN (vorne) MANCHE FOLGEN (hinten) und alle alle alle strömen in dieselbe Richtung, zur Bühne, wo Rammstein dann fragt, ob ich ihn hören könne, und ich zusammen mit den anderen NEGATIV rufe, und er mit ICH VERSTEHE EUCH NICHT antwortet.

Mich interessiert, was es bedeutet, sich anzuschließen. Bedeutet das mehr (oder weniger?) als ein Abzeichen, das man nicht ablegen kann, im Inventar herumzutragen? Amanda Montell schreibt, dass es ganz einfach die Sprache sei: sich anzuschließen, heißt, in einer bestimmten Weise zu sprechen. MANCHE REDEN MANCHE REDEN NACH.

Ich bin dumm, begriffsstutzig und unaufmerksam, aber ich konnte in S.T.A.L.K.E.R. 2 die Unterschiede zwischen den Fraktionen nicht besonders gut verstehen. Das Spiel macht es dem Stalker auch nicht einfach: Die Fraktionsstalker sehen alle ähnlich aus und sie reden mehr oder weniger das Gleiche. Die einen wollen das leuchtende Gefängnis, die anderen wollen das Gefängnis abschaffen, und wieder andere wollen das echte Gefängnis, aber alle sagen immer Gefängnis, Gefängnis, Gefängnis.

Bei Faust ist klar, dass die Worte, mit denen er über etwas spricht, bestimmen, was das ist, worauf seine Worte fallen. Er sagt, ich zitiere, „Crazy fanatics,“ they say. „Murderers!“ „Brave warriors,“ I tell you! His worthy children! Bist du ein irrer Fanatiker oder ein tapferer Krieger, Stalker? Faust sagt, er kenne die Wahrheit. Der Guillotinenstalker schreibt auch, dass er die Wahrheit kenne.

Die Stalker reden, aber ihre Unterhaltungen sind zu gefällig, Dad-Jokes, Geschwafel. Ich will Stalker sehen, die wahnsinnig geworden sind und kreischend mit „Fleischermessern durch eure Schlafzimmer“ (Heiner Müller: Hamletmaschine) gehen. Ich will die Stalker zittern sehen. Ich will, dass die Fraktionen unterschiedliche Sprachen sprechen oder zumindest verschiedenen Slang benutzen. Ich will einen eigenen Slang haben, ich will mind control, I wanna have control, den perfect body, ich will einen Bombengürtel, ich will vieles und ziele mit dem Gewehr auf dies und das und das und dies, und sage immer, dass das jetzt ein Therapieerfolg sei.

Du musst kein Guillotinenstalker zu sein, um zu sagen, dass Welt und Wahnsinn nicht voneinander zu unterschieden sind, du brauchst nur in den Bildschirm zu schauen. Da ist בנימין נתניהו und sagt „‘Free Palestine’ is just today’s version of ‘Heil Hitler’“. Kennst du das Buch Die zerrissenen Jahre von Philipp Blom? Ich zitiere: „Wie kann ich in einer Welt leben, deren Werte und Vorstellungen plötzlich wertlos geworden sind? Diese Frage trieb viele von ihnen in die Arme der großen Ideologien.“

Ist das eine Erklärung oder eine Frage? Blom schreibt auch:

Was ist die rationale Antwort auf die Herausforderung, in einer Welt zu leben, die keinen Sinn mehr ergibt?

Sinn in einer Welt ohne Sinn klingt nach viel mehr als „ein bißchen Zärtlichkeit“. Aber angenommen, es wäre so: Da ist die Welt ohne Sinn und da bin ich, im Gefängnis, und ich will Zärtlichkeit und einen Sinn. Du willst Antworten, sagt der Guillotinenstalker, du willst eine Guillotine. Ich bin mir selbst nicht genug. Noch bevor ich etwas entgegnen kann, sagt der Guillotinenstalker, dass es bei ihm Guillotinen gebe.

Kann man außerhalb des Gefängnisses über das Gefängnis urteilen?

Vermutlich reicht ein Wunsch nach „ein bißchen Zärtlichkeit“. Amanda Montell schreibt: „Human beings are really bad at loneliness. We’re not built for it. People have been attracted to tribes of like-minded others ever since the time of ancient humans, who communed in close-knit groups for survival. But beyond the evolutionary advantage, community also makes us feel a mysterious thing called happiness“ (Amanda Montell: Cultish: The Language of Fanaticism). Ich rufe das SM-Profil des Guillotinenstalkers auf und klicke auf MANCHE FOLGEN.

 

Vor 30 40 50 60 Jahren singen Tocotronic Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, und

ich weiß nicht, wofür ich stehe
ich bin nur hier, weil ich muss
ich weiß nicht, wofür ich lebe
ich weiß nicht mal, ob ich’s muss

und sie – ja, was, singen, behaupten, ironisieren, dass die Handbewegungen und Worte einen besonderen „besonderen Sinn“ hätten, wenn sie innerhalb einer Bewegung stattfinden und

Ich kenne mich mit Musik so gut aus! Rammstein und Tocotronic habe ich schon erwähnt, aber ich kenne noch ganz viele andere Bands und Lieder. Ich kenne zum Beispiel Queen und Opus – und Sofia Isella. Kennst du Sofia Isella auch? „Art does not interpret itself“, singt sie, und das gilt noch viel allgemeiner: Das Gefängnis interpretiert sich nicht selbst, sagt der Guillotinenstalker, und ergänzt, dass Interpretieren auch Arbeit sei, Interpretationsarbeit, und er wisse, wie zermürbend es sei, alles sein zu können, was man sein möchte; deshalb sei er der Guillotinenstalker geworden. Interpretieren sei Arbeit und Arbeit müsse bezahlt werden. Er sei da, um mir zu helfen. Der Guillotinenstalker sagt, dass ich jetzt zum Kreis der Guillotinenstalker gehöre und er beginnt mit seiner Interpretation. Die Zone ist …

millennials’ parents told them they could grow up to be whatever they wanted, but then that cereal aisle of endless “what ifs” and “could bes” turned out to be so crushing, all they wanted was a guru to tell them which to pick. (Amanda Montell: Cultish: The Language of Fanaticism)

und 60 50 40 30 Jahre später schreibst du in deine Bio, dass du in deiner villain era wärst und gibst deine Pronomen an.

Der Mensch ist das noch nicht festgestellte Tier, schreibt Nietzsche. Der Stalker geht in die Zone, weil dort nichts feststeht: Das Gefängnis setzt sich nach jeder Emission neu zusammen. Der Stalker beobachtet, wie sich die Mitglieder der verschiedenen Fraktionen im Gefängnis gegenseitig töten. Der Guillotinenstalker fragt mich, was meine Pronomen seien. Ich antworte mit Opfer/Täter, und er sagt, dass ich jetzt Guillotinenstalker sei und als solcher angesprochen werden darf, werden soll, werden muss. Die Stalker sind in das Gefängnis gekommen, „to be whatever they wanted“ (Amanda Montell: Cultish: The Language of Fanaticism), aber diese Freiheit (nicht die Fraktion) zermalmt sie. Nach der Aufnahme in den Kreis der Guillotinenstalker verstehst du auch nicht besser, was die Worte in der Guillotinenstalker-Bio bedeuten, aber es fühlt sich richtig an, sie zu verwenden.

Sich anzuschließen, heißt, „ein bißchen Zärtlichkeit“ zu bekommen. Der Guillotinenstalker schickt mir eine liebe DM, in der steht „Ich bin dein Wörterbuch“. Guillotinenstalker Stein fragt, ob ich „Art does not interpret itself“ kenne. Er liest mir die Kommentare unter dem Posting vor:

„Such a genius song in lyrics and delivery. Can’t wait to sing it with you in November!! 🐰“

„forever in love with this song“

„You’re in my algorithm for a reason 🔥🔥🔥🔥“

„♥♥“

„🐰 🐰 🐰 🐰“

„Sofia , I’m glad to be born in your generation“

„This will always heal a part of me“

Als ein Hasskommentar kommt („This music again? Do you have others? 😂“), kommen darunter andere Hasskommentare („how many songs did you make, hm?“, „you‘re a old man in a girls comment section complaining btw.“, „do you say this to literally any other artist when they’re playing their top hits?“ usw.) – das ist meine Familie, sagt Stein, und postet einen Hasskommentar mit ein paar Hasenemočis.

your “family”—whose fellow recruits you might call your sisters and whose leaders you might even refer to as Mom and Dad. By this point, you’ve developed a deeply emotional, codependent bond with these people. (Amanda Montell: Cultish: The Language of Fanaticism)

Kurz bevor ich den Guillotinenstrahler auf mein Gehirn ausrichte, denke ich, dass ich mich selbst wie ein Guillotinenstalker anhöre, wenn ich sage, Hör zu, wie sie sprechen, lies, was sie schreiben, und schau genau, wie sie es schreiben. (Wer ist „sie“!?!?!). Danach tauche ich ab in das Gefängnis, zähle die Abenteuer auf:

„There are more important things than happiness“ (Strider)

„Man ist er erst dann wirklich frei, wenn man der Vergangenheit entkommen ist.“ (Richter)

„as a guillotinenstalker, I …“

„Wir Guillotinenstalker.“

„in my guillotinen era“

„Barbaren, die sich für Chirurgen halten und sich mit der Noosphäre verbinden, um Gut und Böse mit der Präzision eines Skalpells zu trennen!“ (Strelok)

„Als der Monolith verstummt ist, wollte ich hier irgendwo dazugehören. Meinen eigenen Platz finden. Ein Zuhause sozusagen“ (Gespenst)

Ich weine und trotzdem sind meine Augen zu trocken und entzünden sich.

Die Aufzählung, die Liste ist ein Machtinstrument, schau:

  1. Illja Motorrad
  2. Tocha Teppich
  3. Gurken-Alex

Die Liste gibt an, wer auf der Liste steht, und sie gibt auch an, wer nicht auf der Liste steht. Eine Liste reicht aus, um zu unterscheiden, ob jemand member of the club ist oder nicht. Temko Kloster zum Beispiel steht nicht auf der Liste, tut mir leid, Kloster.

Wenn Temko Kloster kommt und um Eintritt bittet, kann ich sagen, du stehst nicht auf der Gästeliste, Temko. In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor, und wenn der Guillotinenstalker die Party veranstaltet, kann er selbst bestimmen, wer hineinkommt und wer nicht. In meinem Gefängnis ist keine Zelle übrig für dich, Temko Kloster, scher dich zum Gehirnschmelzer, du Schaumschläger.

Wenn du das Token der Zuordnung im Inventar hast, wirst du es nicht mehr los. „Dieser Gegenstand kann nicht abgelegt werden“. Ich darf mit dem Guillotinenstalker schlafen. In Rostok schlafe ich mit Vadim Kanister, Kolja Eisenmann, und Hauptmann Dingwing. Ich erschieße Walko Wichtiger und Apotheker. Ich schlafe mit Jehor Flugzeug unter den Kühltürmen von Tschornobyl und mit Vadim Kanister, noch einmal, im Zementwerk „breathing peacefully in the morning air. We shared the dirty hardwood floor, the cold sleeping bag, and the aroma of a life far from glamour and fake smiles“ (Markiyan Kamysch: Stalking the Atomic City). Ich erschieße alle, die keine Guillotinenstalker sind.

 

Dieser Text könnte nun langsam zu seinem Ende kommen (das ist ein Hinweis für den aufmerksamen Leser, wie man so sagt; Ianina Ilitcheva schreibt: „Die aufmerksamen Leser sind gar nicht so aufmerksam“): Irgendwann bezahle ich zu wenig Credits an den Guillotinenstalker. Stein und Magnet begleiten mich nach draußen, entnehmen meinem Inventar das Token der Zuordnung. Ich bin plötzlich ein Mensch, der ich nicht sein wollte. Die Guillotinenstalker ziehen im Internet über mich her, lügen. Das ganze Gefängnis ist der Guillotinenstalker, er ist ein Heuchler, und doch: ich liebe das Gefängnis, wohin sonst, wenn nicht in das Gefängnis?

„Ich sitze mit Oleh Fels, Witjok Prachtkerl und Liontschik Wurzel beim Lagerfeuer und sie erzählen mir ihre Geschichten und ich ihnen meine. Wir alle lassen beim Erzählen Details aus, sodass wir die Geschichten gegenseitig nicht ganz verstehen können. ‚Vielleicht gehört das zum Älterwerden dazu‘, sagt Oleh Fels. Wir nicken wissend und bestellen noch ein alkoholfreies Bier.“

Zu /texte.