Lecture attentive

„Es ist sicher, daß der fehlende Penis im Schicksal des kleinen Mädchens eine wichtige Rolle spielen wird“, schreibt de Beauvoir über /das Mädchen/ mit der überall eindringenden und alles durchdringenden Sprache. Sie schreibt, dass der fehlende Penis im Schicksal /des kleinen Mädchens/ eine wichtige Rolle spielen werde, und die Sprache „richtet sich […] auf wie der Penis“ (Elfriede Jelinek: Lust).

„Das große Vorrecht, das der Junge aus ihm [dem Penis] herleitet, besteht darin, daß er ein Organ besitzt, das sich zeigen und ergreifen läßt“, setzt de Beauvoir fort und sagt damit, dass /das Mädchen/ doch nichts zu ergreifen oder zeigen habe („die Frau als Loch und Nichts“, wie Ludger Lütkehaus in Nichts schreibt); der /Junge/ hingegen, der hat einen, seinen Penis in der Hand wie der Autor einen, seinen Text, und den ergreift er und zeigt ihn her, versendet ihn, ,darf ich Ihnen meinen neueste Denkschrift zukommen lassen?‘, postet ihn im Internet, subscribe to my newsletter. Der Mann besitze ein Organ, „das sich zeigen und ergreifen läßt, in dem er sich zum mindesten teilweise entfremden kann“ („qui se laisse voir et saisir, il peut au moin partiellement s’y aliéner“). Dort vorn steht ein Mann und da steht sein Penis. Der Mann entfremdet sich von seinem Schwanz. Er zupft an seinem Ding herum wie der Autor an den Sätzen seines Texts herumzupft und entfremdet sich dabei langsam von davon. Wer kennt das nicht? „Das bin doch ich“ (Thomas Glavinic), sagt der Mann, wenn er auf seinen von sich inzwischen ganz entfremdeten Penis glotzt, und auch dem Autor, der seinen aus sich selbst ganz herausgeschriebenen Text liest, kommt das eine oder andere Mal beim Lesen der Gedanken, dass er sich jetzt gerade selbst anschaut. ‚Mein Bleistift ist klüger als ich‘, ist ein falsches Zitat von Albert Einstein, das Karl Popper in die Welt gesetzt hat: „Einstein sagte einmal: ‚Mein Bleistift ist schlauer als ich‘. Was er meinte, läßt sich vielleicht so ausdrücken: mit einem Bleistift können wir mehr als doppelt so leistungsfähig sein als ohne ihn.“ (Das Ich und sein Gehirn, S. 256; siehe: https://falschzitate.blogspot.com/2022/09/mein-bleistift-ist-kluger-als-ich.html)

Mit einem Penis in der Hand kann sich der Autor doppelt so leistungsfähig von sich selbst entfremden als ohne Bleistift. De Beauvoir fragt aber nicht nach Leistungsfähigkeit. Es geht nicht um Leistung, sondern um Angst: um die vom Körper ausgehende Bedrohung. /Der Junge/ hat vor dem Penis Angst („Gewiß fühlt er sich in seinem Penis bedroht“) bzw. „in seinem Penis“, wie de Beauvoir schreibt („certes, il se sent en danger dans son pénis“); er hat Angst in seinem Penis, weil das Zumpferl Teil des bedrohlichen Mysteriums Körper ist, und um seinen Penis, weil Kastration; wer kennt’s nicht? Aber /der Junge/ kommt damit klar, weil er könne den Penis in der Hand halten und sich damit davon (= dem Penis und der Angst) entfremden; /das Mädchen/ sei dazu jedoch nicht befähigt, und alle Angst bleibe im Inneren des Körpers, wo sie wütet und „sich oft das ganze Frauenleben hindurch fortsetzt.“

Der Mann, der Autor, der Penismensch müsse keine Angst haben – im Gegenteil: „Das Objekt selbst, in dem er sich entfremdet, wird zu einem Symbol der Autonomie, der Transzendenz, der Macht: Er mißt die Länge seines Penis, er vergleicht die Reichweite seines Harnstrahls mit der seiner Kameraden.“ Wer kennt’s nicht, die Schwanzvergleiche und Weitbrunzwettbewerbe? Erst kürzlich hatte ich bei den Kameraden meinen großen Penis aus der Hose genommen und dann haben wir die Reichweite unserer Harnstrahlen verglichen. So etwas ist normal, gelebte Erfahrung, l’expérience vécue.

Dieser Text hat schon 3290 Buchstaben und ist somit ein hartes, dickes, festes „Symbol der Autonomie, der Transzendenz, der Macht“, und wenn du das hier liest, dringen meine harten, dicken und festen Sätze in deinen Kopf ein. Nimm meine Sätze in deinen Kopf. Le Deuxième Sexe hat in der deutschen Übersetzung, Das andere Geschlecht, 715 Seiten: ein wirklich langes Buch mit festem Einband (,Hardcover‘).

/Der Mann/ schaut stolz seinen Penis an. Er freut sich über seinen Harnstrahl, seine Erektionen und seine Ejakulationen. Hier ist er verkörpert, hier ist er von sich entfremdet. „Das kleine Mädchen dagegen kann sich in keinem Teil seines Selbst verkörpern. Man drückt ihr einen fremden Gegenstand in die Hand, damit er bei ihr zum Ausgleich die Rolle eines alter ego übernehme, eine Puppe“.

Die Puppe, la poupée: Il faut noter qu’on appelle aussi « poupée » ce bandage dont on enveloppe un doigt blessé – „Es sei darauf hingewiesen, daß man in Frankreich mit ,Puppe‘ auch einen Verband bezeichnet, der um einen kranken Finger gewickelt wird. Ein Finger, der eingewickelt, abgesondert ist, wird vergnüglich und mit einer Art Stolz betrachtet; das Kind vollzieht an ihm den Prozeß der Entfremdung. Aber es ist eine Figur mit menschlichem Antlitz […], das auf völlig natürliche Weise jenes Double, jenes natürliche Spielzeuge ersetzt, das der Penis darstellt.“

Wer kennt’s nicht? Mit der Puppe spielen ist mit dem Penis spielen ist mit sich selbst spielen. Da sitze ich und entfremde mich mit mir von mir. Ich möchte „Die Puppe, la poupée, der Verband“ schreiben und suche auf https://defr.dict.cc/?s=poup%C3%A9e nach Übersetzungen, aber finde nur Voodoopuppen, Sexdolls und Ibsen. Auf fr.wiktionary werden 13 Bedeutungen von poupée angeführt, und keine ist ein „Verband“, der „um einen kranken Finger gewickelt wird“ („kranker Finger“ ist eine schlechte Übersetzung von „doigt blessé“, und wenn ich französisch nach Fingerpuppe google, poupée doigt, poupée doigt blessé, kommen auch nur Fingerpuppen und keine Verbände als Ergebnis); – egal.

Ich öffne einen anderen Text und tippe ab: „,War nicht in der Puppe, die nur von dem lebte, was man in sie hineindachte, […], war nicht in der Gestaltung gerade solcher Puppenhaftigkeit das zu finden, was die Einbildung an Lust und Steigerung suchte?‘, fragt Hans Bellmer im merkwürdigen Aufsatz Erinnerungen zum Thema Puppe.“

Die Frage, ob nicht in der Gestaltung „gerade solcher“ Puppenhaftigkeit das zu finden sei, „was die Einbildung an Lust und Steigerung suchte“, ist eine Frage an de Beauvoir. Lebt das Mädchen nur von dem, was man in sie hineindenkt? /Das Mädchen/ ist nur das in sie Hineingedachte. Der Autor denkt beim Schreiben alles Mögliche in die Dinge hinein.

Ich lese weiter in Bellmers Puppentexten. „Wahrscheinlich überlegte man bisher nie ernsthaft genug, wie weit das Bild der begehrten Frau vom Bilde des Mannes her bedingt ist, der sie begehrt“, schreibt Bellmer (Kleine Anatomie des körperlichen Unbewussten oder die Anatomie des Bildes), und wie gut, dass wir von ihm darauf aufmerksam gemacht werden. Erleuchte uns mit deinem Erguß!

Das Bild /der begehrten Frau/ wird von dem Bild /des Mannes, der sie begeht/ bedingt. Vergiss einen Augenblick die Mann/Frau-Zuschreibungen! Nichts begehrt der Autor im Moment des Schreibens so sehr, wie das, was er zum Ausdruck bringen möchte. Der Text ist das zum Ausdruck gebrachte Begehren des Autors.

„In den ersten Tagen meines Nachsinnens geriet ich gewöhnlich in einen Zustand lähmender Starre, als würde ich zu einem angeschwollenen Glied ... Die Vorstellung – mein ganzer Körper, mein Kopf, wäre ein steifer Phallus – war so irre, daß ich fast lachen mußte. […] Übrigens war es mir unmöglich zu lachen, so steif war ich ...“ (Georges Bataille)

Weiter im Text: „Wahrscheinlich überlegte man bisher nie ernsthaft genug, wie weit das Bild der begehrten Frau […]; daß es letzten Endes also eine Reihe von Phallus-Projektionen ist, die progressiv von einem Detail der Frau zu ihrem Gesamtbild gehen“ … mit progressiv meint Bellmer nicht fortschrittlich, sondern fortschreitend: der die Frau begehrende Mann bildet Schritt für Schritt mit Phallus-Projektionen Detail um Detail um Detail aus, was schließlich ein Gesamtbild der begehrten Frau ergibt. Die Abfolge geschehe „derart, daß der Finger, der Arm, das Bein der Frau, das Geschlecht des Mannes wären“ – und dann folgt eine Aufzählung, wie sich der Penismann in seine begehrte Vorstellung hineinprojiziert, die erklärt, was mit „Phallus-Projektion“ gemeint ist („daß das Geschlecht des Mannes, das in den prallen Strumpf gezwängte Bein der Frau wäre, aus dem der Schenkel hervorschwillt“ usw.).

Le Deuxième Sexe wurde vor 77 Jahren veröffentlicht und Petite Anatomie de l’inconscient physique ou l’anatomie de l’image ist 69 Jahre alt. Das sind Tatsachen, und ich habe kein Interesse, über die Texte zu urteilen; ich möchte sie verstehen. Ich möchte verstehen, was de Beauvoir sagt, wer bei ihr die „gelebten Erfahrung“ beschreibt und wer vom Leben erzählt.

Das Bild der Frau werde „bevor es von dem Manne ‚gesehen‘ wird, in seinem eigenen Körper erlebt“, scheibt Bellmer (der Satz kommt vor der Passage mit den ‚Überlegungen zum Bild der begehrten Frau‘ und steht in einem anderen Kontext – aber ich bringe den Satz hier in einen Zusammenhang mit den ‚Überlegungen zum Bild der begehrten Frau‘). Wenn ich es ernst nehme, dass der Autor, bevor er das Bild des Begehrten sieht, das Begehrte in seinem eigenen Körper erlebt, dann kann ich de Beauvoir nicht semi-fiktionales anything goes vorwerfen: Sie spricht und erzählt vom /Leben der Frau/, indem sie diese und jene Passage aus der Literatur heranzieht und zitiert usw., und dabei geschieht es, dass sich ihr praller Phallus in die Situation der Frau hineiprojiziert, weil sie selbst eine Situation erlebt.

Nimm es ernst, wenn ich schreibe „Vergiss einen Augenblick die Mann/Frau-Zuschreibungen!“ – und nimm ernst, was bell hooks schreibt: patriarchy has no gender. „Wie der Gärtner den Buchsbaum zwingt, als Kugel, Kegel, Kubus zu leben – so zwingt der Mann dem Bild der Frau seine elementaren Gewißheiten auf, die geometrischen und algebraischen Gewohnheiten seines Denkens“, schreibt Bellmer kurz vor diesem Bild

Hans Bellmer: Abbildung aus <i>Petite Anatomie de l’inconscient physique ou l’anatomie de l’image</i>

und drückt damit das aus, was ich denke, dass de Beauvoir sagen möchte, über /die Gesellschaft/, /den Mann/, /die Frau/, und er beschreibt damit auch das, was sich mir aufdrängt, wenn ich de Beauvoir lese: im Kubus ist /der Menschen, der von de Beauvoir auf 715 Seiten zur Frau gemacht wird/.

Eine andere Zeichnung, wenige Seiten früher, zeigt das Bild des begehrten Körpers, der zugleich der begehrende Körper ist.

Hans Bellmer: Abbildung aus <i>Petite Anatomie de l’inconscient physique ou l’anatomie de l’image</i>

Bedeutet Begehren, dass ich mich in das, was ich begehre, hineindrücke? Lass mich in dich hineindrücken! („Nimm meine Sätze in deinen Kopf.“) Der Autor hockt im Text wie der Fenstergucker in der Kanzel. Indem ich begehre, drücke ich mich selbst in das Begehrte hinein. Mein Begehren formt das von mir Begehrte. Begehren formt das Begehrte. Im Text neben Bellmers Zeichnung steht „seltsam hermaphroditische Verschachtelung“. Ist das Größenwahn und Scheitern zwischen zwei Schwanzvorstellungen zu unterscheiden –

Accompanying this passage in the book is an overt illustration of the body-phallus equation, in which Bellmer imagines a bent-over woman whose pendulous breasts are also the testicles of the huge penis that defines her torso and occupies her raised hindquarters (figure 8.13). Here, the woman becomes an image of her own penetration by the male member, but Bellmer fails to distinguish between this fantasy of the female body as (his?) penis and a related fantasy (which he cites in a footnote on the same page) of Bataille’s—where the writer envisions himself as a great erect organ. (Sue Taylor: Hans Bellmer – The Anatomy of Anxiety)

– oder eine Antwort auf die Frage, wer vom Leben /der Frau/ erzählt?

Zu /texte.