Tormentor

6.4.2026

1.

Ich bin der Tormentor, ein Scheusal aus zerfetzter Haut, Wunden und Bandagen, und ich hause in einer Tempelruine mit Gefängniszellen. Überall stehen Foltergeräte, überall sind Käfige und Knochentürmchen. Alles ist dreckig und kaputt. Ein abgerissener Perserteppich mit Blutflecken liegt auf einer Holzplattform, die im großen Tempelraum mittig in die Höhe ragt, und auf der Plattform stehen auf einem wackeligen Tisch ein Telefon und meine beiden Computer mit alten Röhrenmonitoren. Ich werde von Überwachungskameras gefilmt und über Lautsprecher beschimpft und erniedrigt. Eine unfreundliche Stimme, die Cerberus heißt, fordert mich über die Lautsprecheranlage auf, meine E-Mails zu lesen. In Leichensäcken werden betäubte Frauen und Männer zu mir in die Tempelruine geworfen, und Cerberus befiehlt mir, die Entführungsopfer zu misshandeln. Es gibt das Darkweb mit Chatrooms für Perverse, die auf ihren Bildschirmen verfolgen, wie ich als Tormentor meine Folterarbeit erledige, und das im Chat kommentieren, sich aber meistens beschweren:

Hey, so who else is here to see how many pieces get taken off?

Three more minutes of this boredom, and I’m quitting.

Who will die first? The victim, or us from boredom?

Irgendjemand war unvorsichtig und beinahe wäre die geheime Existenz von Cerberus bekannt worden. Um herauszufinden, wer unachtsam gewesen ist, werden Verdächtige entführt und von mir gefoltert. „Why did you betray Cerberus?“, kommt aus dem Lautsprecher, während ich den Folteropfern mit einem Hammer die Zähne aus dem Mund schlage oder ihnen die Ohren abschneide. Alle beteuern ihre Unschuld. Von den gelangweilten Perversen im Chat bekomme ich Geld für bestimmte Misshandlungen und mit dem Geld kann ich mir im Darkweb noch mehr Männer und Frauen kaufen, die ich dann foltern kann oder muss.

Es gibt in Tormentor kaum etwas, das Sinn ergibt: Das Cerberus-Netzwerk ist streng geheim, aber die Folterbefragungen werden ins Internet übertragen. Frauen und Männer werden entführt, aber ich muss sie mir trotzdem kaufen. Die offensichtlich alte und heruntergekommene Tempelruine ist über einem verlassenen, aber verhältnismäßig modernen Gefängniskomplex errichtet. Habe ich, das grausame Scheusal, in meinem verfallenen Scheißtempel diese Knochentürmchen aufgebaut, die ich beim Herumlaufen reihenweise umwerfe? Um die Geschichte von Tormentor zu verstehen, muss man einen Comic lesen, der erklärt, wie die Gestalt, die man steuert und die eigentlich Ezekiel heißt, zum Tormentor geworden ist. Die Comicseiten müssen als Collectibles im Spiel gesucht und gesammelt werden, und ich finde nicht alle Seiten.


2.

Ich bin Bloody Mary und sehe aus wie die US-amerikanische Schauspielerin aus den Saw-Filmen. Wer Saw geil findet, wird auch Tormentor mögen? Wie eine Domina, die in ihren hohen Stiefeln nicht richtig gehen kann, storkle ich durch die Zellen des Gefängnisses unter dem Tempel, in dem der Tormentor haust.

Da ist ein kleines Lamm, ein Babylämmchen, das ich im Schoß halte, mit einer Milchflasche füttere, und dem ich, so als ob ich den Antichristen geboren hätte, ein satanisches Wiegenlied singe:

dream, my baby, of sacrificial rites
where shadows dance
on moonlit nights

Die Türen zu den Zellen im verlassenen, aber verhältnismäßig modernen Gefängniskomplex stehen offen. Die Räume sind voller Sand, von draußen leuchtet die Sonne oder der Mond oder ein Scheinwerfer herein. Ich sehe Staub in der Luft tanzen. Wohin ist das Lammbaby verschwunden? Warum bin ich wie für eine SM-Sexparty angezogen? Ich laufe in den Gefängniszellen ungeschickt herum und entdecke am Boden Zettel mit Nachrichten, vermutlich von den Gefangenen, die dem Tormentor zum Opfer gefallen sind.

Ich lese, was zu erwarten ist: Die konsonantisch-chaotischen „Cthulhu“-Nachrichten und pubertär-vulgäres Gestammel der Art „please hide my porn collection“ etc. Niemand hat ein Gedicht hinterlassen. Dann finde ich einen Zettel, der auf beiden Seiten beschrieben ist. Da steht auf der einen Seite „it is a duty to be optimistic“ und auf der anderen „easy when you enjoy suffering“. Ich hebe diese Nachricht auf und lege den Zettel in meinem Inventar ab, irgendwo an oder in meinem knappen Latex-Outfit.

„it is a duty to be optimistic“ klingt wie ein Zitat von Karl Popper, der „Optimismus ist Pflicht“ schreibt, und auch ausführt, was er damit meint: „Wenn ich [...] ,Optimismus ist Pflicht‘ [sage], so schließt das nicht nur ein, daß die Zukunft offen ist, sondern auch, daß wir alle sie mitbestimmen durch das, was wir tun: Wir sind alle mitverantwortlich für das, was kommt“ (Von der Notwendigkeit des Friedens, eine Rede Poppers aus dem Jahr 1993).

Wenn das ein Argument ist, dann finde ich es seltsam: Ich soll optimistisch sein, weil die Zukunft offen ist? Eine offene Zukunft – das heißt, anzunehmen, dass die Zukunft nicht vorherbestimmt ist –, verlangt Optimismus? Warum? Mich überzeugt das nicht. Wenn ich als Tormentor vor den Gefängniszellen herumlaufe, dann drohen mir die Folteropfer in den Zellen. „I’ll fucking fuck you up like a dog!“, wird mir zugerufen. Jemand sagt zu irgendwem in einer anderen Zelle „I’ll get us out of here, don’t be afraid!“ Es ist klar, dass niemand entkommen wird, aber offenbar befinden sich einige Optimist:innen unter den Gefangenen. Wenn du im Folterkeller eingesperrt bist und hörst, wie allen um dich herum am Foltersessel die Knochen gebrochen werden, dann bleib optimistisch und hab Hoffnung. Sonst kannst du nur verzweifeln und auf ein bitteres Ende zugehen, weil ohne Optimismus, schreibt Popper, werde man drogenabhängig oder Terrorist:in oder man bringe sich um: Man „hört […] täglich Gejammere und Geraunze über die angeblich so schlechte Welt, in der wir zu leben verdammt sind. Ich halte die Verbreitung dieser Lügen für das größte Verbrechen unserer Zeit, denn es bedroht die Jugend und versucht, sie ihres Rechtes auf Hoffnung und Optimismus zu berauben. Es führt in einzelnen Fällen zu Selbstmord oder zu Drogen oder zum Terrorismus.“ (Bemerkungen zu Theorie und Praxis des demokratischen Staates, ein Vortrag aus dem Jahr 1988)

Popper schreibt nicht ‚ohne Optimismus bringt man sich um‘, sondern ‚in einzelnen Fällen‘ führe es zu Drogen / Terrorismus / Selbstmord, wenn man des Optimismus beraubt werde, also: Sollte jemand nicht optimistisch sein, dann kann das zu Selbstmord oder Drogen oder Terrorismus führen, schreibt Popper. Diese verwässerte Aussage behauptet so gut wie nichts: Manchmal führt etwas zu Drogen / Terrorismus / Selbstmord, aber so manches kann manchmal zu etwas führen oder auch nicht.

Zu meiner Wohnung sage ich seit Wochen nur mehr Baustelle und ich jammere und raunze über meinen Körper, den ich auch Baustelle nennen könnte. Diese äußeren Umstände bestimmen mich momentan, und ich weiß nicht genau, was in der Welt passiert. Wenn ich Zeit für den Bildschirm habe, sehe ich Aufnahmen von Waffen und Zerstörung. Ein Verbrecher und Vergewaltiger, der als Präsident der United States wie ein Pseudodiktator durchgreift, redet sprunghaft egomanisch-wirre Kindersätze, lässt andere Machthaber töten, greift Staaten an. Ich bekomme eine E-Mail aus einem Land nicht weit von mir entfernt, in der steht „stupidity and violence reign“. Es ist non-non-dualistisch, aber ein Weltkrieg kann vor der Bezeichnung ‚Dritter Weltkrieg‘ da sein. Auch ohne genau über das Weltgeschehen Bescheid zu wissen, ist mir klar: es herrscht Krieg.

Ich behaupte gar nicht, dass die Welt, was auch immer damit gemeint sein mag, an sich selbst schlecht sei, aber ich halte Optimismus angesichts der Weltlage für unangebracht. L‘optimisme, non merci. Wer optimistisch ist, sagt „this is fine“ im brennenden Zimmer, lehnt sich zurück, und überlässt den Dingen, die gut sind, ihren Lauf, der alles noch besser macht. Der Optimist lacht als The Man Who Would Never Be, What They Made Him To Be (das ist ein intermedialer Verweis). Ich raunze und jammere: Es ist dumm, jetzt hier heute, mitten unter Kriegstoten, einschlagenden Raketen und den Geräuschen von Baustelle und Zahnarztbohrer eine generelle Pflicht zum Optimismus auszusprechen. „Optimismus ist nur ein Mangel an Information“, schreibt Heiner Müller.

Aber dann steht auf der anderen Seite des Zettels „easy when you enjoy suffering“ und das stellt meine Einwände auf den Kopf. Vielleicht tue ich den Optimist:innen Unrecht, wenn ich ihnen einen Mangel an Information unterstelle und behaupte, sie wären dumm. Es ist ganz einfach, optimistisch zu sein, wenn man Glück aus dem Leid gewinnt. Wer sich über Leid freuen kann, hat jetzt hier heute die besten Voraussetzungen, um einer düsteren Zukunft hoffnungsvoll entgegenzutigern. Wer den Weltuntergang freudig erwartet, erfüllt die Pflicht zum Optimismus.

Mich irritiert diese Überlegung. Ich verstehe die Nachricht am Boden der Gefängniszelle in Tormentor nicht. Kann man aus dem Leid Glück schöpfen, und was heißt es dann, optimistisch zu sein? Tormentor ist doch nur ein halbfertiges Spiel mit holprigen Folteranimationen, das ist alles. Das Spiel appelliert an die sadistische Phantasie, andere Menschen – jene, die dir Unrecht getan haben, oder halt irgendwelche Randoms – mit kochendem Wasser zu übergießen und ihnen die Fingernägel auszureißen. Aber das ist nicht gemeint mit dieser Botschaft „it is a duty to be optimistic“ / „easy when you enjoy suffering“. Vielleicht verstehe ich nicht, was Optimismus bedeutet.


3.

Ein Fall von Optimismus: Da sind die Weltuntergangssekten – Heaven’s Gate, der Ordre du Temple Solaire, der Peoples Temple, die Bewegung zur Wiederherstellung der Zehn Gebote usw., siehe Wikipedia –, deren Mitglieder sehnsüchtig, hoffnungsvoll, optimistisch darauf warten, vom UFO oder was abgeholt zu werden. Le fin – can’t wait. Hallo, ich habe eine Sprache mit Worten, die mich sagen lassen, dass ich auserwählt bin, siehe Cultish: The Language of Fanaticism von Amanda Montell.

I can't wait to get out of here. There's nothing this planet, or this civilization, or this kingdom level has to offer me. (Last Chance to Evacuate Earth Before It's Recycled, 29.9.1996, https://www.heavensgate.com/misc/vt092996.htm)

Der Fotograph David Hume Kennerly schreibt über seinen Besuch in Jonestown nach dem kollektiven Selbstmord der 918 Menschen dort, „Time hasn’t really brought any understanding to me of why people would do such a thing“ (David Hume Kennerly: Jonestown, a Personal Recollection, https://kennerly.com/blog/story-photographs-by-david-hume-kennerly/), und ich sage: Optimism kills.

Nicht diejenigen, die um ihren Optimismus gebracht worden sind, begehen Selbstmord („Sollte jemand nicht optimistisch sein, dann kann das zu Selbstmord oder Drogen oder Terrorismus führen, schreibt Popper“), sondern die armen Irren, die optimistisch darauf hoffen, dass sich ihre elenden Lebensumstände nach dem Tod (oder durch den Tod?) verbessern. Sie sagen zum Selbstmord nicht ,Selbstmord‘, sondern „evacuate their bodies“ (https://www.heavensgate.com/misc/letter.htm, und siehe Amanda Montell), und sagen auch nicht, dass sie sich „wegen Optimismus“ evakuiert haben, sondern, um ins UFO zu kommen, aber manchmal ist das eine zugleich das andere.

Du kannst einwenden, dass die armen Irren der Sekte gar nicht beigetreten wären, wenn sie zufriedener gewesen wären, und ich sage, lies die eigenartige Kurzgeschichte Obsolete von Chuck Palahniuk: Da wird der Beweis erbracht, dass es nach dem Tod ein besseres Leben auf der Venus gibt: eine Videoaufnahme von der Planetenoberfläche, „The planet was a Garden of Eden. […] It was heaven, but with sex and booze and God’s complete permission.“ Die Astronauten, die das Video aufgenommen haben, stürzen sich nach dem Absenden des Videos an die Erde in den Tod und alle, alle, alle Menschen auf der Erde folgen den Astronauten und bringen sich um, weil sie expresso ins Reich der Venus kommen möchten, und dort wollen sie die wilde Sau rauslassen, bis in alle Ewigkeit. Zu sagen, dass nur die armen Irren an das UFO glauben oder dumm sind, ist überheblich und erklärt nichts. Die armen Irren sind Optimist:innen, die zuversichtlich in die Zukunft blicken. Sie haben keinen Mangel an Information, sie sind bestens informiert, und wissen, was sie tun müssen, um eine bessere Zukunft zu erreichen.

Der normale Mensch will sich nicht ins UFO befördern, aber der normale Mensch spricht auch keine UFO-Sprache. Eine ungesunde Portion Optimismus kann dem normalen Menschen die Angst nehmen und Hoffnung geben: Die Welt wird enden, keine Sorge.


4.

Kein Fall von Optimismus: Der erste Akt des Films Melancholia heißt Justine und erzählt von einer Hochzeit. Alle Hochzeitsgäste feiern und haben good times, nur der Braut Justine geht es elend und sie bricht zusammen. Im zweiten Akt erscheint der übergroße, vagabundierende Planet Melancholia, der sich auf die Erde zubewegt und sie beim Aufprall in Stücke reißen wird. Während alle leiden und sich vor dem Tod fürchten, erholt sich Justine von ihrem Zusammenbruch. Sie hilft den Verzweifelten und ist die Einzige, die nicht komplett ausflippt.

„Justine finds a certainty that keeps her calm in the face of universal annihilation“, schreibt Jim Emerson (https://www.rogerebert.com/scanners/melancholia-this-is-the-end). Optimismus ist easy when you enjoy suffering. Stell dir vor: Ich bin am Ende, die Welt ist am Ende und alle anderen sind auch am Ende. Optimismus wäre vielleicht besser, einfacher, angebrachter, wenn ich an das Glück glauben würde; denk positiv, donnert es aus dem Optimismus-Ratschläger, aber ich bin unsicher, ob das hilft: man kann nicht ,positiv‘ oder ‚negativ‘ oder ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ denken, man kann denken oder nicht denken, und wenn ich wie tot im Bett liege und immer noch das Brautkleid von der Hochzeit letzte Woche trage, weil ich es nicht schaffe, aufzustehen, dann hilft mir der Ratschlag, positiv zu denken oder das Glück wertzuschätzen nur wenig.

„[A]n external manifestation of what she feels inside“, schreibt Emerson über das Ende der Welt und wie als eine Diagnose von Justine, die sich während des Weltuntergangs von der schweren Depression erholt. Justine wirkt entspannt. Ihre Gelassenheit erklärt Emerson mit „a suicide without guilt because nobody is left behind“. Das bedeutet nichts anderes, als sich mit den anderen Endzeitsektenmitgliedern hoffnungsvoll und optimistisch umzubringen. Mich überzeugt das nicht.

Suffering kann enjoyt werden, wenn es etwas gibt, wodurch das Leid zum Glück wird. ,Zum Glück werden‘ kann heißen: akzeptiert, verdaut, genossen, … Noch ein Film: Midsommar. Die Protagonistin Dani erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird von den anderen Frauen rasch in den Schlafsaal gebracht. Dort berühren sie die verzweifelte Dani am Rücken; sie legen ihre Hände auf Dani und gegenseitig auf ihre Körper. Sie schreien und weinen mit Dani. Die Atmung der Gemeinschaft wird synchron, die Schreie von Dani hallen in allen anderen nach.

Man weiß, dass der Planet Melancholia die Erde pulverisieren wird, weil es in den ersten sieben Minuten so zu sehen ist. Alle werden sterben und die Welt wird untergehen, aber trotzdem kann ein wenig Glück darin gefunden werden, wenn man etwas von sich selbst in anderen fühlt. So etwas nennt man Mitgefühl. Mela, Mela, Melancholia Girl, ich bin wie du, mon cher. Meine Angst ist deine Angst. Angst Girl, ich bin wie du: „Ich werde nicht gebraucht / die Zukunft gibt es nicht“ (Tocotronic: Rebel Boy).

Für Aristoteles ist das eine Grundlage der Freundschaft – „der Freund ist ein anderes Selbst (allos autos)“ (Nikomachische Ethik, 1166a 30) – und ich denke, dass das auch eine Voraussetzung für Liebe ist.

Der normale Mensch freut sich nicht auf das Ende der Welt, aber es gibt keinen normalen Menschen. „Wir werden alle sterben, keine Sorge“, lautet eine optimistische Aussicht auf das Ende, und sie hilft weder den UFO-Gläubigen noch den Melancholiker:innen. Optimismus hilft Justine nicht.


5.

Ein Fall von Optimismus: Der Weltuntergang ist die Maximalvariante des Endes, finis maximus, und es ist klar, dass damit etwas Tröstliches einhergeht, weil es dann endlich vorbei ist, es: das Elend, die Verzweiflung, das schmerzvolle Dasein, diese Scheiße. Die end timers und melancholics mit ihrer Sehnsucht nach dem Ende scheinen eine buddhistische Einstellung zur Auslöschung zu haben. Da ist ein letzter Atemzug – und dann: nichts mehr.

Aber ,nichts mehr‘ sind ziemlich viele Buchstaben, um ein 1 nihil auszudrücken. Es ist falsch, sich auf die Erlösung zu freuen, weil für „nichts mehr“, muss man nicht „hoffen“, sondern aufhören. Wenn du mit Optimismus das elende Dasein überwinden möchtest, dann wirst du scheitern, und nicht aufgeben, immer wieder zu scheitern, solange du optimistisch bleibst.

Das ist eine Endzeitphantasie. Die beiden Notizen am Zettel „it is a duty to be optimistic“ / „easy when you enjoy suffering“ sind wie zwei Seiten derselben Medaille, und easy when you enjoy suffering kann auch ganz wörtlich und direkt gedeutet werden, ohne eine Sehnsucht nach dem großen Nichts heraufzubeschwören: Da ist Vydija, oder Wanda, in heavy rubber und einem Pelzmantel, und es ist klar, dass sie suffering enjoyt, aber damit ist nicht der „Weltuntergang“ gemeint oder das eigene Leid, sondern, deine Brustwarzen zu malträtieren und dir in den Mund zu spucken. Ein Latex-Fetisch-Model beschreibt sich auf der eigenen Website als „an entity of pure power“, und erklärt „[h]idden behind a mask, untouchable, absolute“, warum ich wie für eine SM-Sexparty angezogen bin: „When I cover Myself in latex, I become something more than human. You see only what I allow. You feel only what I grant. You submit because there is no other choice.“ (https://www.natallien.com/pages/about)

Finis maximus heißt zugleich ultimus climax; du erinnerst dich: „Der Mann einer – hier Adjektive einfügen – Zirkusakrobatin stürzt vor ihren Augen in den Tod. Sie blickt vom Trapez auf ‚ihren Mann herab, der unten lag – zerschmettert – entseelt‘, gleitet nach unten, zieht ihren Pelzmantel wieder an, zuckt die Achseln und sagt, ‚Ich wußte, daß es kommen werde‘“. Chris Korda stellt ein Video von sich auf Utube online, das zeigt, wie sie in der Trauma Bar und Kino in Berlin, auswendig Texte von Apologize to the Future „and other lyrics“ vorträgt. Am Bildschirm stürzt das World Trade Center zusammen, Sperma klatscht in das Gesicht einer nackten Frau, Osama bin Laden predigt, ein Flugzeug explodiert, das Hochhaus, der Phallus, American Football, ein Mann masturbiert, die Zunge leckt über das brennende Hochhaus.

Bevor du pervers sagst und dich schüttelst, unterbreche ich. Wir alle sind Mitglieder im Onania Club und betrachten die Bildschirme, ob wir wollen oder nicht, und egal, ob wir wissen, was der Onania Club ist oder nicht. Da sind Luftaufnahmen aus Jonestown, die 900 bunt angezogene Leichen zeigen, eine Explosion in Zeitlupe, Tweets mit Bildern von zerfetzten Russen in Schützengräben, Videos von Affen, die ein Affenbaby totschlagen, und Chris Korda sagt „I like to watch“. Es bringt nichts, sich vom Bildschirm verstören oder erregen zu lassen. Das Telefon klingelt und die Timeline endet nie. Was ist Sadismus?

Der Tormentor trägt ein Brautkleid und winkt mit diesem doppelseitig beschriebenen Zettel, „it is a duty to be optimistic“ / „easy when you enjoy suffering“. Was Sadismus ist, zeigt jeder Bildschirm, und ich bin ins begriffliche Durcheinander geraten: Optimismus und Sadismus – Masochismus, Pessimismus. Ich verstehe immer weniger, wie diese Begriffe auseinanderzuhalten sind.

Ich frage dich, und du sagst, das eine, sadistisch, sei man, und das andere, optimistisch, werde man. Das eine sei eine Persönlichkeitseigenschaft und das andere soziale Aneignung, eine Erwartungshaltung. Du sagst, man könne aus guter Lebenserfahrung optimistisch werden, aber ein Sadist sei ein Sadist sei ein Sadist. Du lachst.


6.

Ich lasse den Text sich selbst schreiben.

Da sind sie, tabellarisch aufgestellt, die Persönlichkeitseigenschaften und sozial angeeigneten Erwartungshaltungen, die masochistische Optimistin, die optimistische Pessimistin, der masochistische Sadist, der sadistische Pessimist, der pessimistische Masochist, die pessimistische Optimistin, der optimistische Sadist, der sadistische Optimist, die optimistische Masochistin, der pessimistische Sadist, die sadistische Masochistin und der masochistische Pessimist:

Die masochistische Optimistin beteiligt sich am Crowdfunding für Tormentor.

Die optimistische Pessimistin erwartet, beim Konzert von einem Selbstmordattentäterin in die Luft gejagt zu werden, aber geht trotzdem hin, weil es interessant sein könnte.

Ein masochistischer Sadist drückt deine und die eigene Hand auf die heiße Herdplatte.

Ein sadistischer Pessimist drückt deine Hand auf eine heiße Herdplatte, aber freut sich nicht, dass du vor Schmerz schreist, sondern hat Angst, dass der Herd den Geist aufgibt.

Der pessimistische Masochist legt die eigene Hand auf die heiße Herdplatte und sagt, dass es nicht besonders weh tue.

Die pessimistische Optimistin singt Death To Everyone von Bonnie ‘Prince’ Billy.

Der optimistische Sadist drückt deine Hand auf die heiße Herdplatte, und hofft, dass es ordentlich brutzelt.

Der sadistische Optimist drückt deine Hand auf die Herdplatte und hofft, dass die Herdplatte heiß ist.

Eine optimistische Masochistin legt die Hand auf die Herdplatte und hofft, dass sie heiß ist.

Ein pessimistischer Sadist drückt deine Hand auf die heiße Herdplatte, und befürchtet, dass es nicht weh genug tut.

Eine sadistische Masochistin drückt deine und ihre Hand auf die heiße Herdplatte, und hofft, dass es ordentlich brutzelt.

Der masochistische Pessimist denkt nicht, dass irgendjemand seine Hand auf einer heißen Herdplatte verbrennen wird.

Ich verstehe nicht alle Figuren gleich gut. Optimistischer Pessimismus zum Beispiel ist mir ein Rätsel; aber wenn es den Sado-Maso gibt – also den sadistischen Masochismus, oder meinetwegen den masochistischen Sadismus –, dann gibt es auch den Opti-Pessi, oder? Trotz der Unklarheiten denke ich, dass mir diese Anordnung am konzeptuellen Dancefloor weiterhilft. Die einen haben Hoffnung, die anderen haben keine; die einen freuen sich über das Leid anderer, und die anderen freuen sich über das eigene Leid.


7.

Die pessimistische Optimistin sitzt vor dem Röhrenbildschirm und spielt Tormentor.

Es gibt in Tormentor den „Storymodus“ („Story“-Modus) und den Sandbox-Modus. Als ich das Spiel zum ersten Mal gestartet hatte, war es versehentlich im Sandbox-Modus und ich habe mich nicht ausgekannt – was ist zu tun, wenn es eigentlich nichts zu tun gibt? Ich habe im Darknet herumgescrollt, aber hatte kein Geld, um mir etwas zu kaufen, und ich bin dann in den Manhunt-Keller gegangen, den ich nicht mehr verlassen konnte, weil ich keinen Ausgang gefunden habe.

Im Sandbox-Modus kann man mit dem Victim Creator eigene Opfer gestalten, die für virtuelles Tormentorgeld gekauft und gefoltert und dann getötet werden können. „Maybe you can make your ex and torture your ex in our game“, sagt Madmind-Scriptwriter Kruk kichernd mit leuchtenden Femizidaugen im Victim Creator Trailer auf Utube, „just think about this“.

Bevor du dich empörst, und bevor du daran denkst, dass du den Leuten, die im Internet über dich herziehen, gern die Fingernägel ausreißen würdest, unterbreche ich. Tormentor ist im Sandbox-Modus, wie auch andere Spiele von Madmind Studio, als Spiel mit endless gameplay konzipiert: Durch das Foltern verdient man Tormentorgeld, das man für ein begrenztes Angebot an Folterwerkzeugen und ein endloses Angebot an generischen oder selbsterschaffenen Opfern ausgeben kann. Es geht, wie im Leben, um nichts, und es geht, ohne Zutun, trotzdem immer weiter; da ist nichts, was erreicht werden kann. „Remember to donate money so we can show more actions like this one!“, sagt Cerberus einmal zu den viewers of the stream (beziehungsweise: ‚sagt Madmind Studio einmal zu mir‘). Du kannst darüber hinwegsehen, dass die Animationen und der Ton unfertig wirken, aber du musst doch zugeben, dass kaum etwas Sinn ergibt: Jemand wird gefoltert und legt plötzlich ein Geständnis ab, ohne etwas gefragt worden zu sein? Was interessieren mich die Geständnisse? Werden die victims gefoltert, oder d Spieler:in von Tormentor, beim Spielen? Empörung ist Teil des business plan.

Die Geschichte von Tormentor: Der Tormentor wacht auf und wird von der Stimme aus dem Lautsprecher unaufhörlich beschimpft. Im Keller taucht ein alter, mysteriöser Mann auf, und dann kommt Bloody Mary aus dem Internet usw. usf. …

Tormentor ist so ambitioniert – die intermedialen Verbindungen zu anderen Madmind-Spielen; die Frage, ob es überhaupt ein Spiel ist; der ganze Wahnsinn: von einer Schlange verschluckt werden, das Scheitern beim Versuch, ein übernatürliches Wesen (Gott?) zu foltern, und dieser Optimismus-Zettel –, aber es ist halbfertig und ein großes Durcheinander, in dem nichts Sinn ergibt.


8.

Im Wörterbuch der Philosophie, Artikel Optimismus (Pessimismus) von Fritz Mauthner steht, dass seit Leibniz von Optimismus/Pessimismus gesprochen werde, also erst seit dem 18. Jahrhundert, als es um die Frage ging, warum es das Böse gibt in einer Welt, die von einem allgütigen Gott erschaffen worden ist. Nach der ausufernden und spannenden Wortgeschichte schreibt Mauthner: Optimismus sei schlicht ein

gelehrtscherzhafter Ausdruck für das Gefühl „Ich lebe ganz gern“. Die Umwendung ins Gegenteil, der Pessimismus, ist nun wieder Metapher von einer Metapher, ein witzig-gelehrter Ausdruck für das andere Gefühl: „Das Leben ist nicht mehr schön“. In diesem Sinne bezeichnen Optimismus und Pessimismus nur Stimmungen, individuelle Stimmungen[.]

So viel Überlegung, für nichts. Weil es auf einem Digitalzettel in Tormentor von Madmind Studio steht, wollte ich erklären, was optimistischer Masochismus oder masochistischer Optimismus bedeutet, und ich scheitere, weil da nichts ist, hinter dem Wort (als ob es ‚hinter‘ einem Wort überhaupt etwas gäbe … nichts ist da; da ist nie etwas, hinter den Worten, und mit der Sprache kommt man auch nicht über die Sprache hinaus).

Ohne die menschliche Sprache gäbe es ganz gewiß keinen Optimismus und keinen Pessimismus. Gäbe es aber irgendwo außerhalb der Sprache einen allwissenden Gott, so könnte der dennoch eins nicht wissen, was das sei: Pessimismus? Und die Tiere wissen es auch nicht, diese sehr grundlosen Optimisten. Und auch die Selbstmörder, die die einzige konsequent-philosophische Sekte des Pessimismus bilden, des Individual-Pessimismus, wissen es nicht, haben es nur so im Gefühl.

Ich kann nicht erklären, was das alles bedeutet, weil es nichts zu verstehen gibt; bestenfalls kann ich missverstehen und aufgeblasen herumfabulieren, ,optimism kills‘, ,Optimismus hält dich gefangen‘, ...

Da ist Bob Flanagan, da sind Marina Abramović und Ulay und da bin ich, wieder im Tempel von Tormentor. Guten Tag, wir würden hier gern einen Lesekreis mit Texten zum Optimismus veranstalten. Mit dem Victim Creator stelle ich mir ein Folteropfer zusammen. Ich mache ein Selfie und versuche mein Gesicht nachzubauen, aber scheitere mit den Schiebereglern. Ich kann der Figur nur eine blaue Sonnenbrille oder keine Brille aufsetzen und ich treffe die passende Haarfarbe nicht. Ich exportiere und kaufe die virtuelle Kopie von mir. Ich plumpse betäubt in den Foltertempel hinein. Ich nehme mich über die Schulter, lasse mich die ganze Tempelhöhe nach unten fallen und schleppe mich zum Folterstuhl. Dort stehen das kochende Wasser, der Brennstab und das Skalpell bereit.

Ich schüttle, von Brechreiz gewürgt, meine Faust in der andrängenden Menge gegen mich, der hinter dem Panzerglas steht. Ich sehe, geschüttelt von Furcht und Verachtung, in der andrängenden Menge mich, Schaum vor dem Mund, meine Faust gegen mich schütteln. Ich hänge mein uniformiertes Fleisch an den Füßen auf. Ich bin der Soldat im Panzerturm, mein Kopf ist leer unter dem Helm, der erstickte Schrei unter den Ketten. Ich bin die Schreibmaschine. Ich knüpfe die Schlinge, wenn die Rädelsführer aufgehängt werden, ziehe den Schemel weg, breche mein Genick. Ich bin mein Gefangener. Ich füttere mit meinen Daten die Computer. Meine Rollen sind Speichel und Spucknapf Messer und Wunde Zahn und Gurgel Hals und Strick. Ich bin die Datenbank. Blutend in der Menge. Aufatmend hinter der Flügeltür. Wortschleim absondern in meiner schalldichten Sprechblase über die Schlacht. Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegangen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehängt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauerraum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig / Mit meinem ungeteilten Selbst. (Heiner Müller: Hamletmaschine)


9.

Was bleibt?

Die Botschaft am Zettel bedeutet gar nichts. Wenn du gern lebst, dann ist alles easy. Wenn du auf Schmerzen stehst, dann kannst du mit Schmerzen glücklich werden. Am Zettel steht schlicht: enjoy whatever.

Wenige Monate nach der Veröffentlichung von Tormentor gibt das Entwicklerstudio Madmind Studio bekannt, dass sie künftig keine Spiele mehr entwickeln werden: „After 10 years of a shared journey, the moment has come–one we never planned, but one we want to close with our heads held high. Madmind Studio is stepping away from game development and will continue solely as a publisher.“

In einem traurigen Sadomaso-Akt hat sich Madmind Studio mit Tormentor selbst beendet. „We created games that were imperfect, controversial, and intense“, schreiben sie. Dieses chapter sei nun beendet, aber irgendwie und in anderer Form werde es weitergehen, die future ist open.

Zu /texte.